SOZIALWISSENSCHAFTEN
Citizen Science in der universitären LehreTransfertalk mit Olaf Bock: Warum machen sie eigentlich Transfer?
27. April 2026, von WiSo-Fakultät

Foto: UHH/ROSI
"Die Bürger:innen arbeiten auf Augenhöhe mit Forschenden zusammen"
Im Gespräch mit dem Lehrenden Olaf Bock aus dem WISO-Forschungslabor, teilt er seine Erfahrungen aus dem transferorientierten Seminar "Bürgerwissenschaft". Wie die Studierenden mit Hamburger Senior:innen zusammengearbeitet haben und wie diese Zusammenarbeit das Wissenschaftsverständnis beeinflusst, lesen Sie hier.
Kurzer Steckbrief zur Veranstaltung:
- Titel der Veranstaltung: „Bürgerwissenschaft“
- Studierendenanzahl: ca. 20
- Studiengang: Politikwissenschaften
- Lehrperson: Dip.-Pol. Olaf Bock (WISO-Forschungslabor)
- Kooperationspartner:innen: Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke (BWFGB); Behörde für Arbeit, Gesundheit, Soziales Familie und Integration (Sozialbehörde)
- Transferorientierte Veranstaltung während der Lehrveranstaltung: eintägiger Workshop mit Hamburger Senior:innen
Warum machen Sie eigentlich Transfer?
Ich finde es wichtig, wissenschaftliches Denken in die Gesellschaft zu tragen. Der Kern meiner Motivation liegt in der Überzeugung, dass die moderne Wissenschaft eine der bedeutsamsten Erfindungen der Menschheit ist. Sie schafft evidenzbasierte Orientierung indem sie die Frage stellt: „Wie lassen sich die Zustände der Welt methodisch nachvollziehbar erklären und verstehen?“- und damit Antworten, die für alle überprüfbar sind.
Citizen Science bietet dabei einen sehr geeigneten Rahmen, um Teilnehmenden das „Wie?“ wissenschaftlichen Denkens und Handelns zu vermitteln: Teilnehmende arbeiten in bürgerwissenschaftlichen Projekten auf Augenhöhe mit professionellen wissenschaftlichen Forschenden zusammen und erwerben dabei praktische Kompetenzen, die sie in ihre Lebenswelt integrieren können. Durch solche aktive Partizipation an wissenschaftlichen Forschungsprozessen wird auch die sogenannte „scientific literacy“ von Teilnehmenden befördert, also zum Beispiel die Fähigkeit, Behauptungen Dritter über Zustände der Welt systematisch evidenzbasiert in Frage stellen zu können. Citizen Science ermöglicht so eine breitere gesellschaftliche Teilhabe an der Produktion und Governance des Wissens einer Gesellschaft.
Worum ging es in der Lehrveranstaltung?
Die Veranstaltung ist Teil der Berufsorientierung. Ich versuche den Studierenden die Fähigkeit zu vermitteln, Citizen-Science-Projekte selbst zu planen und durchzuführen. Dafür wurden sowohl theoretische als auch praktische Inhalte, also von den Konzepten der Citizen-Science bis zur Durchführung des realen Forschungsprojekts, eingebunden.
Im Seminar im Wintersemester 2024/25 untersuchten Studierende Aspekte des „Age Friendly City“-Aktionsplans des Hamburger Senats. Im Rahmen eines eintägigen Partizipationsworkshops mit Hamburger Senior:innen wurde in einem offenen, gesprächsbasierten Verfahren gemeinsam erhoben, welche individuellen Vorstellungen ältere Menschen von ‚Gesundheit' haben - und wie diese Alltagsdefinitionen sich zum offiziellen Gesundheitsbegriff im Senatsplan verhalten.
Was war besonders an dem Seminar und wie wird Transfer dabei umgesetzt?
Das Besondere der Veranstaltung lag, meiner Meinung nach, im partizipativen Ansatz. Die Senior:innen waren nicht Datenlieferant:innen, sondern wurden frühzeitig in den Forschungsprozess einbezogen. In diesem Zuge stellten wir den Senior:innen die Frage, was sie unter Gesundheit verstehen. Dadurch verglichen wir das definitorische Konzept der Befragten mit dem der Stadt Hamburg. Somit haben wir sie als echte Co-Forschende in den Prozess integriert. Das Projekt enstand durch die Vermittlung des ROSI , das die Kontakte zur zuständigen Wissenschafts- und Sozialbehörde herstellte und auch die organisatorische Abwicklung, also Datenschutz oder Protokollierung, vor Ort übernahm.
Was hat Ihnen besonders Spaß gemacht?
Es hat mich gefreut zu sehen, wie Studierende als Co-Forschende agierten und ihre (sozial-)wissenschaftlichen Kompetenzen im gesellschaftlichen Feld außerhalb des Campus praktisch anwenden konnten. Diese Erfahrung eigener „Agency“, also das Erleben der eigenen Wirksamkeit als angehende Wissenschaftler:innen, passt gut zu einem Berufsorientierungsseminar.
Welche Tipps haben Sie für andere Lehrende, die in ihrer Lehre einen Praxisbezug herstellen möchten?
Ich finde, dass sich der zusätzliche Aufwand vielseitig auszahlt - die Studierenden erhalten eine Praxiserfahrung, die Bürger:innen erhöhen ihre „scientific literacy“ und die Wissenschaft erhält neue Ergebnisse aus der sozialen Wirklichkeit der Gesellschaft.
Wichtig ist, mit Transfereinrichtungen wie dem ROSI oder der Transferagentur der Universität zusammenzuarbeiten, um auf bestehende Netzwerke und Kontakte zurückgreifen zu können. Außerdem sollte man die Rollen und Ziele in Projekten mit allen Beteiligten frühzeitig klären, zum Beispiel vereinbaren, was im Rahmen einer Lehrveranstaltung in einem wissenschaftlichen Forschungsprozess realistisch geleistet werden kann.

