Handlungsfähigkeiten und politisches Bewusstsein von Arbeitnehmer:innen
Das Projekt untersucht den Zusammenhang von Erwerbsarbeitserfahrungen und politischen Orientierungen von Arbeitnehmer:innen in gegenwärtigen Arbeitswelten mit qualitativ-rekonstruktiven Methoden. Es geht dabei davon aus, dass sowohl die objektiven ökonomischen, sozialen und betrieblichen Bedingungen der eigenen Arbeitssituation als auch deren subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen Einfluss darauf nehmen, welche politischen Ansprüche formuliert und wie politische Zusammenhänge gedeutet werden und umgekehrt politische Deutungsmuster auch die Wahrnehmung der eigenen Arbeitserfahrung rahmen. Das Projekt erarbeitet dabei das Konzept der „Handlungsfähigkeiten“ als analytisches Scharnier, um den wechselseitigen Zusammenhang zwischen politischen Deutungen, objektiven Arbeitsbedingungen und subjektiv gedeuteten arbeitsweltlichen Erfahrungen theoretisch zu bestimmen und empirisch zu erforschen. Wir gehen dabei davon aus, dass sich in den von den Beschäftigten geschilderten Arbeitserfahrungen objektive Arbeitsrealitäten und Entwicklungen ausdrücken, diese Schilderungen zugleich aber auch Produkt von Interpretationen und Deutungen sind, die mit politischen Orientierungen in Zusammenhang stehen, der wesentlich über die Wahrnehmung von Handlungsfähigkeiten vermittelt, aber nicht determiniert ist.
Das empirische Vorgehen umfasst die Analyse von kontrastierenden objektiven ‚Arbeitskonstellationen‘ (ökonomische, soziale und betriebliche Bedingungen) in Form von Fallstudien, die den Rahmen bilden für qualitativ-rekonstruktive Deutungsmusteranalysen der subjektiven arbeitsbezogenen und politischen Orientierungen unterschiedlicher Arbeitnehmer:innengruppen mittels Subjektinterviews und Gruppendiskussionen.
Im Ergebnis zielt das Projekt auf qualitativ basierte Befunde zu veränderten Handlungsfähigkeiten und ihrer subjektiven Deutung in Bezug auf gegenwärtige relevante Umbrüche der Arbeitswelt sowie zu damit verbundenen Vorstellungen des Politischen aus Perspektive unterschiedlicher Beschäftigtengruppen. Die erwarteten Ergebnisse liefern einen Beitrag zu wissenschaftlichen Debatten zeitdiagnostischer Perspektive – so etwa zur Frage, der politischen „Repräsentationslücke“ von Arbeitnehmer:innen und ihrer Differenzierung; zu sozialen Spaltungslinien und Polarisierungstendenzen; zur Deutung des neoliberalen Denkmusters ökonomischer Alternativlosigkeiten und zu Re-Politisierungstendenzen von Arbeit; zum Zusammenhang von Ohnmachtserfahrungen und rechten oder autoritären Orientierungen und allgemeiner zur Legitimation politischer Ordnung. Nicht zuletzt zielt das Projekt auch auf eine theoretisch-konzeptuelle (Neu-)Entwicklung eines analytischen Rahmens zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Arbeitserfahrungen und politischen Orientierungen. Damit nimmt das Forschungsprojekt die in der arbeits- und industriesoziologischen Forschungstradition seit Ende der 1970er Jahre „liegengebliebene“ Frage nach Verhältnis von Arbeit und politischem Bewusstsein wieder auf, verspricht aber eine der Komplexität des Zusammenhangs angemessene Konzeptualisierung, die vereinfachte Kausalitätsannahmen vermeidet.
Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und in Kooperation mit der Georg-August Universität Göttingen, Institut für Soziologie (Prof. Dr. Sarah Nies) durchgeführt.
Projektlaufzeit: 02/2026 - 01/2029.
Kontakt:
Prof. Dr. Wolfgang Menz (Projektleitung)
Universität Hamburg, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Sozialökonomie
Welckerstraße 8
20354 Hamburg
E-Mail: wolfgang.christian.menz@uni-hamburg.de