Prof. Dr. Volker Lilienthal

Foto: UHH-Esfandiari 2025
Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft i. R., ehem. Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus
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Schwerpunkte
- Volker Lilienthal war von 2009 bis 2025 Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus.
- Im Mittelpunkt seiner Lehre stand die journalistische Recherche und die Entwicklung von Medienprodukten in Projektwerkstätten, großenteils in Kooperation mit Medienpartnern.
- Seine Forschung war und ist dem investigativen und dem digitalen Journalismus gewidmet. Seine Interessen gelten auch der Medienethik und der Medienkritik.
- Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der avancierten Recherche sowie Problemen der Cyber Security von Medienhäusern. Ein Forschungsprojekt hierzu läuft noch.
- Immer habe er „Potenziale im Journalismus erkennen und diese durch Forschung und Lehre fördern“ wollen. So fasste Volker Lilienthal seine grundsätzliche Herangehensweise als Hochschullehrer in einem Abschiedsinterview mit seinem Kollegen Michael Brüggemann zusammen.
Profil
Volker Lilienthal ist diplomierter Journalist und hatte sich vor seiner Berufung an die Universität Hamburg als Medien-Fachjournalist einen Namen gemacht. 20 Jahre lang war er Redakteur beim renommierten Fachdienst epd medien, zuletzt als Verantwortlicher Redakteur. In dieser Zeit publizierte er auch mehrere investigative Recherchen und erforschte die Vergangenheit des Evangelischen Pressedienstes in der NS-Zeit. Höhepunkt war die Enthüllung des sogenannten Marienhof-Skandals im Jahre 2005. Für seine journalistische Arbeit wurde Lilienthal mehrfach preisgekrönt.
Die Rudolf Augstein Stiftung hatte der Universität Hamburg im Jahr 2006 die Einrichtung einer Stiftungsprofessur mit einem Etat von einer Million Euro für fünf Jahre möglich gemacht. Es handelte sich um die erste dem Journalismus gewidmete Stiftungsprofessur überhaupt. Nach einem regulären Auswahlverfahren wurde Volker Lilienthal Anfang 2009 berufen und nahm seine Arbeit zur „Praxis des Qualitätsjournalismus“ (so die Widmung der Professur) zum Wintersemester 2009/10 auf.
In den 16 Jahren seither hat er stets das Konzept „Professionalisierung durch Wissenschaft“ (Kurt Koszyk) vertreten. Studierende sollten zu einer kompetenten und wissenschaftsbasierten Wahrnehmung des journalistischen Berufs im Interesse der Allgemeinheit befähigt werden. Wissenschaftliche Verfahren und Erkenntnisse, zum Beispiel aus der Publikumsforschung, wurden dabei vielfach genutzt. Besonderen Wert legte Lilienthal auf strukturierte Recherchemethoden und eine ethisch verantwortbare Berufsausübung.
In der Forschung interessierte er sich für strukturelle Neuentwicklungen wie den Digitalen Journalismus und, damit zusammenhängend, für einzelne journalistische Innovationen wie Correctiv, nahm aber auch eine kritische Perspektive ein, z. B. als er im Jahr 2000 als erster Journalismusforscher überhaupt die Redaktion von BILD zu beobachtete und dabei 43 journalistische Mitarbeitende befragte.
Journalismusforschung, so ein weiteres Arbeitsprinzip von Lilienthal, sollte nicht nur den Forschenden oder der Fachcommunity zugutekommen, sondern auch für die Beforschten nützlich sein. Diesem Ziel diente das 2026 abzuschließende Forschungsprojekt über digitale Sicherheit und Quellenschutz bei sensiblen Recherchen. In dessen Rahmen wurden über 230 Journalistinnen in Securitytechniken trainiert. Auch andere Projektkomponenten sorgten und sorgen für Wissenstransfer in die Medienpraxis hinein.
In der Lehre suchte Lilienthal immer wieder die Kooperation mit Redaktionen, für die die Studierenden der Journalistik und Kommunikationswissenschaft Produkte erarbeiten konnten, und zwar möglichst mit Aussicht auf reale Veröffentlichung. Ein Beispiel hierfür ist der Tagesspiegel, für den im Wintersemester 2019/20 eine Beilage zur Europapolitik erarbeitet wurde. Aber auch in kleinerem Maßstab wirkten Journalist:innen von Medien wie Hamburger Abendblatt, Spiegel, NDR und ZEIT immer wieder in Seminaren mit und trainierten die UHH-Masterstudierenden anwendungsbezogen. In Zusammenarbeit mit dem Hamburger Bürger:innensender TIDE wurde auch für Radio und Fernsehen produziert.
Eine besonders hohe Kontinuität entwickelte dabei die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Recherche. Unter Lilienthals Anleitung produzierten Studierende zehn Jahre lang eine Tagungszeitung für die regelmäßige NR-Jahreskonferenz in Hamburg. Die Seminarteilnehmenden lernten dabei Prominente wie den New York Times-Journalisten Anton Troianowski oder die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann kennen und nahmen natürlich auch an der Konferenz selbst mit zahlreichen lehrreichen Workshops teil.
Ebenso langfristig war die Zusammenarbeit mit der Otto Brenner Stiftung angelegt. In einem außercurricularen Projekt wirkten ausgewählte Studierende seit 2013 alljährlich an der Vorauswahl von jeweils über 500 eingereichten Bewerbungen für den Otto-Brenner-Preis mit. Diesem renommierten Journalismuspreis war im Wintersemester 2024/25 auch eine Journalistische Projektwerkstatt im Rahmen des Curriculums gewidmet. Die Auszeichnungen des Jahres 2024 wurden dabei als Muster für Qualitätsjournalismus analysiert, die Entstehung der preisgekrönten Artikel, Filme, Radiosendungen, Webspecials und Podcasts in Interviews mit den Machern rekonstruiert. Die Stiftung veröffentlichte die Arbeitsergebnisse dieses Projekts auf ihrer Website.
Im Jahr 2012 holte Lilienthal das renommierte, 1999 von Prof. Dr. Michael Haller (Universität Leipzig) gegründete Journal „Message - Internationale Zeitschrift für Journalismus“ an die Universität Hamburg, wo eine neue Redaktion aufgebaut werden konnte. Die Redaktionsmitglieder erhielten auch Gelegenheit zur Promotion, gefördert von der Hans Böckler Stiftung. Das Gesamtprojekt wurde möglich gemacht von der Medienstiftung Hamburg | Schleswig-Holstein. 2014 musste die Zeitschrift ihr Erscheinen leider einstellen, denn die eigenen Abonnementseinnahmen genügten nicht, eine Anschlussförderung war nicht zu erlangen.
Dennoch setzte „Message“ sein Erscheinen fort – auf der eigenen Website, die häufig auch als Trainingsplattform für Studierende genutzt wurde. Redakteur war über viele Jahre Malte Werner, ein Doktorand von Volker Lilienthal. Der über die Jahre produzierte Content der Website message-online.com wird inzwischen vom Zentrum für nachhaltiges Forschungsdatenmanagement der Universität Hamburg in gehostet. Auch für alle seit 1999 gedruckten Papierausgaben der Quartalszeitschrift gibt es inzwischen ein digitales Repositorium. Kooperationspartner ist hierbei das DFG-Projekt media/rep/ an der Universität Marburg.
Hohe Beteiligung und Aufmerksamkeit erzielten auch die von Volker Lilienthal veranstalteten Ringvorlesungen, so im Wintersemester 2016/17 die zu „Lügenpresse“ als politischen Kampfbegriff (veranstaltet zusammen mit Prof. Dr. Irene Neverla) und die anlässlich des 100. Geburtstages von Rudolf Augstein, dem Namenspatron der Professur, im Wintersemester 2023/24: „Sagen, was ist“.
- Alle Vorträge der Ringvorlesung zur „Lügenpresse“ sind als Mitschnitte noch auf dem Videoportal der Universität Hamburg, Lecture2Go, abrufbar.
- Die Ringvorlesung mit insgesamt dreihen „Augstein Lectures“ prominenter Referent:innen wurde von der Rudolf Augstein Stiftung finanziell gefördert und vom Bürger:innensender TIDE aufgezeichnet, die Videos sind bei Youtube abrufbar.
- Die Vorträge beider Ringvorlesungen erschienen in überarbeiteter Form auch als Buch, bei Kiepenheuer & Witsch (2017) und bei Herbert von Halem(2024).
In der akademischen Selbstverwaltung des Fachbereichs Sozialwissenschaften engagierte sich Prof. Lilienthal als Programmdirektor des Fachgebiets Journalistik und Kommunikationswissenschaft sowie zweimal als Sprecher des Fachbereichs, zuletzt in den Jahren 2020 bis 2025.
Außerdem war er von 2016 bis 2024 Vorsitzender von ProJournal e.V. | Verein der Freunde und Förderer der Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg.
CV
Volker Lilienthal, 1959 geboren in Minden/Westfalen, war bis zu seiner Berufung an die Universität Hamburg im Jahr 2009 Verantwortlicher Redakteur des Fachdienstes „epd medien“ in Frankfurt am Main. Im Wintersemester 2007/08 hatte er die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus bereits vertreten.
Sein Studium der Journalistik an der Universität Dortmund schloss er 1983 bei Prof. Dr. Kurz Koszyk als Diplom-Journalist ab. Darauf folgte ein Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft an der Universität Siegen, das Lilienthal 1987 mit der Promotion bei Prof. Dr. Helmut Kreuzer beendete. Die Dissertation trägt den Titel „Literaturkritik als politische Lektüre“ und war der medialen Rezeption von Peter Weiss‘ Romantrilogie „Die Ästhetik des Widerstands“ gewidmet.
Seit 1989 war Lilienthal Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (epd), seit 1997 stellvertretender Ressortleiter und seit Januar 2005 Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“. In seinen über 20 Jahren als Medien-Fachjournalist hatte er immer wieder auch wissenschaftlich publiziert. Außerdem nahm er Lehraufträge an den Universitäten Frankfurt a. M. und Siegen wahr.
Lilienthal ist seit 2005 Juror beim Otto Brenner Preis für Kritischen Journalismus und war Mitherausgeber der Internationalen Zeitschrift für Journalismus MESSAGE (2012-2014).
Als unabhängiger Sachverständiger wurde er 2019 in den Verwaltungsrat des Deutschlandradios gewählt und 2024 für eine zweite fünfjährige Amtsperiode bestätigt.
Veröffentlichungen
(eine Auswahl neuerer Publikationen)
„Ein Jahr des Chaos“: Die trimediale Diversifizierung von Bild (2020-2023). Eine Fallstudie zum Misslingen von Innovation, in: Medien & Kommunikationswissenschaft 2025, H. 4, S. 505-529.
Welches Renommee, welche Effekte hat der Otto Brenner Preis? Eine Umfrage unter Preisträger*innen und Stipendiat*innen aus 20 Jahren, in: Dossier: 20 Jahre Otto Brenner Preis – 20 Jahre kritischer Journalismus, Otto Brenner Stiftung 2025.
First be safe: Exploring and improving journalists’ skills in digital security (together with J. Frech, V. Schönbächler), in: Journalism, Special Edition 2024.
„,Sagen, was ist‘. Journalismus für eine offene Gesellschaft – Rudolf Augstein zum 100. Geburtstag“ (als Hrsg.), Köln: Herbert von Halem 2024.
Medienethik bei BILD - Eine Befragung, eine Inhaltsanalyse und eine Bibliografie der Forschung zu BILD (1967-2022), München/Eichstätt: zem:dg studies 2023.
Der sogenannte böse Schein. Freundschaften und Feindschaften in Berufungsverfahren, in: Walter Hömberg (Hrsg.): Marginalistik. Almanach für Freunde fröhlicher Wissenschaft, Bd. II, Allitera Verlag: München 2023, S. 88-101.
Ziemlich bester Feind. „Bild“ und der öffentlich-rechtliche Rundfunk, in: epd medien 2023, H. 16, S. 3-8.
Ein systemisches Problem. Gut bezahlte Regierungsaufträge für Journalisten, in: epd medien 2023, H. 11, S. 3-6.
“You suck it up and you deal with it”: Blind spots in investigative reporting and how to overcome them, together with with J. Kunert, M. Brüggemann, J. Frech, W. Loosen, in: Journalism 2022.
Respekt, Folklore, Kritik. Kirche und Glauben in der Boulevardzeitung „Bild“, in: Communicatio Socialis 2022, H. 4, S. 543-554.
Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus. In: Otto Brenner Stiftung (Hrsg.): 50 Jahre Otto Brenner Stiftung, Frankfurt 2022, S. 137-175.
Die gottlose BILD? Repräsentationen des Religiösen in der Boulevardzeitung, in: Endres, Susanna/Gürtler, Christian/Pavolivić, Irena (Hrsg.): Das Verborgene sehen: Sinnsuche zwischen Medien, Ethik und Religion. Festschrift anlässlich der Emeritierung von Prof. Johanna Haberer, Erlangen 2022, S. 301-322.
Journalismus macht Schule – ein Modell für mehr Medienkompetenz? In: merz. Medien + Erziehung 2022, H. 3., S. 78-84.
How Investigative Journalists Around the World Adopt Innovative Digital Practices, together with J. Kunert, J. Frech, M. Brüggemann, W. Loosen, in: Journalism Studies 2022, p. 761-780.
Rechtspopulismus als Herausforderung für die Medien. Die Medienkritik der AfD und der journalistische Umgang mit der Partei, in: Petra Grimm/Oliver Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie. Ethische Perspektiven. Medienethik, Bd. 18, Franz Steiner Verlag: Stuttgart 2020, S. 37-51.
Lügenpresse - Anatomie eines politischen Kampfbegriffs, Köln: Kiepenheuer & Wisch 2017 (als Hrsg., zusammen mit Irene Neverla).
Forschung
Gesundheitsjournalismus
Das erste Augstein-Team (Dennis Reineck, Thomas Schnedler und Volker Lilienthal) befasste sich von 2009 bis 2014 in drei kleineren Teilprojekten mit der Qualität und den Aufgaben von Gesundheitsjournalismus.
Den Auftakt machte 2009 eine Tagung, bei der u. a. die invasiven PR-Maßnahmen der Pharmaindustrie und die Folgen für den Journalismus analysiert wurden.
2011 wurde im Auftrag eines großen deutschen Verlagshauses die Qualität der Gesundheitsberichterstattung in ausgewählten Zeitungen des Verlages untersucht, im Anschluss wurden weitere deutsche Tageszeitungen in die Analyse einbezogen. Dieses Gutachten ist unveröffentlicht.
Drittens publizierte das Augstein-Team 2014 einen umfangreichen Sammelband zur Qualität im Gesundheitsjournalismus gearbeitet. Für das Buch im Verlag SpringerVS wurden sowohl Kommunikationswissenschaftler:innen als auch Fachjournalist:innen als Beitragende gewonnen. Auch diese Entscheidung der Herausgeber zeigt ein Arbeitsprinzip der Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus: Wissenschaft und Praxis miteinander zu vernetzen.
Digitaler Journalismus
Im Jahr 2012 startete die Rudolf Augstein Stiftungsprofessur ein großes Forschungsprojekt zum sich damals entwickelnden Digitalen Journalismus und dessen Potenzialen für die Partizipation des Publikums, das sie bis 2014 beschäftigen sollte.
Die damals auf Basis empirischer Forschung (Inhaltsanalyse, Netzwerkanalyse und Befragung) gezogenen sehr optimistischen Schlussfolgerungen (Stichwort: Impulse für die demokratische Gesellschaft) würde man heute im Lichte von Hate Speech und anderen Fehlentwicklungen der internetbasierten Kommunikation nicht unbedingt wiederholen, sagt Prof. Lilienthal heute.
Das Forschungsprojekt leitete er zusammen mit Stephan Weichert, damals Professor an der Macromedia Hochschule. Beteiligt waren Annika Sehl, heute Professorin an der Kath. Universität Eichstätt, Dennis Reineck und Silvia Worm.
Auftraggeber war die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Der als Buch bei VISTAS erschienene Abschlussbericht („Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“) kann als PDF bei der LfM abgerufen werden.
Correctiv – eine Rechercheorganisation neuen Typs
Als Einzelforscher befasste sich Volker Lilienthal 2016 mit Correctiv, einem Journalistenbüro, das zwei Jahre zuvor gegründet worden war, das sich der investigativen Recherche verschrieben hatte und als Partner von etablierten Medien auftrat.
Lilienthal untersuchte die Potenziale und Entwicklungsprobleme dieses Start-ups erstmals. Er beobachtete die Redaktion in Berlin, befragte die Correctiv-Journalist:innen und veröffentlichte seine Ergebnisse in Medien & Kommunikationswissenschaft.
Internationaler Investigativjournalismus
Im Jahr 2019 fand die weltweit wichtigste Konferenz für investigativen Journalismus erstmals in Deutschland statt. Und, noch besser: in Hamburg. Auf der Global Investigative Journalism Conference (GIJC) wurden 1700 Journalist:innen aus 130 Ländern erwartet. Zusammen mit mehreren Kolleg:innen, die er dafür interessieren konnte, nutzte Prof. Lilienthal die Gunst der Stunde und initiierte etwas, das man lokale Feldforschung mit internationaler Perspektive nennen könnte. Kongressteilnehmende wurden vor Ort befragt zu ihren Arbeitsverfahren, Sicherheitstechniken und zu „blinden Flecken“ in ihrer Problemwahrnehmung.
Daraus entstanden zwei Veröffentlichungen:
- J. Kunert, M. Brüggemann, J. Frech, V. Lilienthal, W. Loosen: “You suck it up and you deal with it”: Blind spots in investigative reporting and how to overcome them, in: Journalism 2022, DOI: doi.org/10.1177/14648849221146929
- J. Kunert, J. Frech, M. Brüggemann, V. Lilienthal, W. Loosen: How Investigative Journalists Around the World Adopt Innovative Digital Practices, together with, in: Journalism Studies 2022, p. 761-780, DOI: doi.org/10.1080/1461670X.2022.2033636
Das Boulevardmedium BILD – rudimentäre Medienethik und trimediale Transformation
Seit 2019 befasste sich Prof. Lilienthal intensiv mit Bild. Die Boulevardzeitung war über die Jahrzehnte immer wieder ein attraktives Objekt für die Kommunikationswissenschaft gewesen, doch entstanden dabei fast ausschließlich Inhaltsanalysen. Diese Untersuchungen wurden sozusagen aus sicherer Entfernung durchgeführt, man musste den Verlag nicht um die Erlaubnis zum Feldzugang bitten. Wie aber entsteht Boulevardjournalismus, der immer wieder Gegenstand von Kritik ist?
Lilienthal wollte diese Forschungslücke schließen und das Innenleben der Redaktion erkunden. 2019 erhielt er vom damaligen Chefredakteur Julian Reichelt die Erlaubnis, die Redaktion in Berlin zu beobachten und Mitarbeitende zu befragen. Mit 43 Tiefeninterviews entstand ein Datenkonvolut von 1022 Seiten Umfang.
Bislang sind aus dem BILD-Projekt diese vier Veröffentlichungen hervorgegangen:
- Selbstregulation im Boulevardjournalismus, in: Communicatio Socialis 2022, H. 2, S. 247-263.
- Respekt, Folklore, Kritik. Kirche und Glauben in der Boulevardzeitung „Bild“, in: Communicatio Socialis 2022, H. 4, S. 543-554.
- Medienethik bei BILD: Eine Befragung, eine Inhaltsanalyse und eine Bibliografie der Forschung zu BILD (1967-2022), Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft (zem::dg), München/Eichstätt 2023 (zem::dg-studies 3).
- „,Ein Jahr des Chaos‘. Die trimediale Diversifizierung von Bild (2020-2023)“, in: Medien & Kommunikationswissenschaft 2025/H. 4, S. 505-529.
Sensible Recherchen und Quellenschutz
Im Jahr 2022 startete die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur ein letztes großes Forschungsprojekt: „Sensible Recherchen und Quellenschutz. Digitale Sicherheit von Journalist:innen und ihren Informant:innen“. In einem Interview für die Website der UHH gab Prof. Lilienthal Auskunft über die Projektziele.
Bearbeitet wird die zunehmende Bedrohung journalistischer Arbeit durch digitale Überwachung und Cyberangriffe auf Medienhäuser. Im Zentrum stehen dabei der Quellenschutz und die Frage: Wie kann die Identität von Informant:innen auch im digitalen Raum geschützt werden? Auf dieses Problemfeld bezogen untersucht das Projekt das Problembewusstsein und die Handlungskompetenz von Journalist:innen, IT-Verantwortlichen und Chefredakteur:innen.
Mit diesem Erkenntnisinteresse verbunden ist eine praktische Trainingskomponente: In 21 Medienhäusern führten die eigens beauftragten Fachtrainer:innen Annkathrin Weis und Daniel Moßbrucker Trainings in digitaler Sicherheit durch, die vom Team Frech, Schönbächler und Lilienthal wissenschaftlich beobachtet wurden. Zusätzlich gab es zwei Workshops für freie Journalist:innen. Moßbrucker übrigens promovierte 2025 bei Prof. Lilienthal zum Thema „Journalismus in einer Gesellschaft ubiquitärer Überwachung“.
Weitere Bemühungen um Transfer zeigten sich in Workshops auf Journalismustagungen, bei denen auch wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert wurden. Auch hierin zeigte sich die Theorie-Praxis-Integration, die stets zu den Leitideen der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur gehörte.
Das Projekt wurde gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien; bei Projektstart 2022 war das Staatsministerin Claudia Roth. Es soll 2026 abgeschlossen werden. Bislang sind daraus erschienen:
- J. Frech, V. Lilienthal, V. Schönbächler: First be safe: Exploring and improving journalists’ skills in digital security, in: Journalism, Special Edition 2024.
- V. Lilienthal, V. Schönbächler, J. Frech: Journalistischer Quellenschutz als konzertierte Aktion. Medienethische Standards im Kontext von Cyberangriffen und ubiquitärer Überwachung, in: Communicatio Socialis 2026, H. 1: Sicherheit und Information (im Erscheinen)
Team
Zur Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur an der Universität Hamburg gehörten (in absteigender zeitlicher Reihenfolge):
- Jannis Frech M. A.,
- Dr. Viviane Schönbächler,
- Florian Hohmann M. A.,
- Dipl.-Journ. Natascha Buhl,
- Dr. Dennis Reineck,
- Dr. Thomas Schnedler,
- Dr. Eva Boller,
- Malte Werner M. A.
sowie als Sekretariatsassistenzen
- Kirsten Cassau und
- Corinna Ohlmeier.
Auszeichnungen
2006: Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien
2005: Reporter des Jahres
2005: Fachjournalist des Jahres
2005: Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik
2004: Netzwerk Recherche | Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen
2004: Bester wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), 2. Preis
2002: Besondere Ehrung beim Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik