Nachruf Prof. Dr. Sibylle Raasch
11. Juni 2026

Foto: bantersnaps/magnific/uhh
Sibylle Raasch war seit 1995 in Hamburg Professorin für Öffentliches Recht und Gender Studies, zunächst an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP), ab 2005 bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand 2014 sodann am heutigen Fachbereich Sozialökonomie der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Sie ist eine wahre Hanseatin im modern-progressiven Sinne gewesen. Sie wurde in Hamburg geboren, ging dort zur Schule und hat an der Universität Hamburg Rechtswissenschaft, Soziologie und Germanistik studiert. Bereits die herausragenden Gesamtnoten, mit denen Sibylle Raasch sowohl ihre Erste Juristische Staatsprüfung als auch – nach dem Referendariat am Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg – ihre Große Juristische Staatsprüfung bestanden hat, zeugten von ihrer intellektuellen Wendigkeit und ihrem sehr guten Urteilsvermögen. Es verwundert daher nicht, dass sie später die Möglichkeit erhielt, als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe im Dezernat des Vizepräsidenten, Ernst Gottfried Mahrenholz, sowie nachfolgend im Dezernat der Präsidentin, Jutta Limbach, in den Bereichen Parlamentsrecht und Strafvollstreckung zu arbeiten; eine Tätigkeit, für die – seinerzeit wie heute – nur hervorragende Juristinnen und Juristen ausgewählt werden.
Bereits der Titel ihrer am Fachbereich Rechtswissenschaft II der Universität Hamburg mit der Bestnote abgeschlossenen Promotion „Frauenquoten und Männerrechte“ weist mit seinem deutlichen Bezug zu Legal Gender Studies und dem Antidiskriminierungsrecht auf ein zentrales Forschungsgebiet der Wissenschaftlerin Sibylle Raasch hin, welchem sie sich auf der Basis zahlreicher Vorträge und Publikationen jahrzehntelang in engagierter, kritischer und im besten Sinne weiterdenkender Weise gewidmet hat. Dies umfasste auch Tätigkeiten als Gastwissenschaftlerin im Ausland, darunter ein Lehr- und Forschungsaufenthalt an der La Trobe University in Melbourne zu Fragen der australischen Antidiskriminierungsgesetzgebung sowie eine Marianne Beth-Gastprofessur für Legal Gender Studies an der Juristischen Fakultät der Universität Wien. Dass sie sich für diese zentralen gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen aber auch weit über den wissenschaftlichen Bereich hinaus in beispielgebender und kompetenter Weise engagierte – und von der interessierten Öffentlichkeit als im positiven Sinne engagiert und kompetent wahrgenommen wurde – verdeutlichen beispielsweise ihre Tätigkeit als Vorsitzende der Kommission für Arbeits-, Gleichstellungs- und Wirtschaftsrecht des Deutschen Juristinnenbundes (djb), ihre Mitwirkung im Vorstand dieser Vereinigung sowie ihre Berufung in den Beirat der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Berlin.
Weder ihre vielfältigen Forschungsaktivitäten noch ihr gesamtgesellschaftliches Engagement sowie ihr beispielgebender Einsatz in der und für die Lehre, exemplarisch sei hier nur ihre Tätigkeit als Programmverantwortliche des hochschulübergreifenden Masterstudiengangs „Gender und Arbeit“ in Hamburg genannt, haben Sibylle Raasch jedoch davon abgehalten, sich nicht zuletzt und wahrlich nicht zu gering auch in der universitären Selbstverwaltung zu engagieren. Dies gilt sowohl für ihre Zeit an der HWP als auch ihre nachfolgende Tätigkeit an der Universität Hamburg. So hat sie so gut wie jedem Gremium der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, welches Mitgliedern des Fachbereichs Sozialökonomie offensteht, mindestens einmal angehört. Dies gilt natürlich auch für ihre langjährige Funktion als Sprecherin des Fachgebiets Rechtswissenschaft. Auch in dieser Hinsicht ist Sibylle Raasch also gleichsam nicht nur dabei, sondern immer mittendrin gewesen. Und auch in dieser Hinsicht war und ist sie uns ein bleibendes Vorbild.
Am 05. Juni 2026 ist Sibylle Raasch im Alter von 77 Jahren verstorben. Wir sind sehr traurig und werden sie sehr vermissen. Wir wollen aber auch dankbar sein und uns freuen, dass sie so lange und so engagiert für ihr Fachgebiet Rechtswissenschaft da gewesen ist.
Herzlichen Dank für das Gewesene, liebe Sibylle Raasch!
Karsten Nowrot, Sprecher des Fachgebiets Rechtswissenschaft für den Fachbereich Sozialökonomie