soziale Innovation (ROSI)
Herzlich willkommen, Prof. Dr. Katharina Manderscheid und Prof. Dr. Achim ObergDie neuen wissenschaftlichen Leitungen im Interview.
8. April 2026

Foto: UHH
Im Wintersemester 2025/2026 gab es den ersten Wechsel der wissenschaftlichen Leitung in der 15-jährigen Geschichte des ROSI. Nun begrüßen wir die zwei neuen wissenschaftlichen Leitungen Prof. Dr. Katharina Manderscheid und Prof. Dr. Achim Oberg. Im Interview werfen wir einen Blick auf ihre Forschungsinteressen, Lehr- und Transfertätigkeiten, sowie die Themen und Impulse, die sie in das ROSI und die WiSo-Fakultät tragen. Im Interview teilen die beiden ihre Schwerpunkte aus Forschung und Lehre, ihre Verständnisse und Erfahrungen von und mit Transfer.
ROSI: In welchen Themenbereichen bewegt ihr euch und was lehrt ihr?
Katharina Manderscheid: Ich habe seit 2018 die Professur für Soziologie, insbesondere Lebensführung und Nachhaltigkeit in der Sozialökonomie inne. Mein Fokus liegt auf Alltagsforschung, sozialer Ungleichheit, sozial-ökologischer Transformation, Mobilität und Verkehr. So bewege ich mich im Spannungsfeld von alltäglichen Praktiken und Nachhaltigkeit, wobei soziale Ungleichheit für mich ein sehr wichtiges Thema ist. Dabei arbeite ich vor allem mit qualitativen Methoden. Grundsätzlich sollte sich die Wahl der Methoden nach der Forschungsfrage richten und so habe ich immer auch mit quantitativen und qualitativen Methoden gearbeitet.
Im Bachelor Sozialökonomie lehre ich unter anderem eine Vorlesung zu Soziologie der Lebensführung, in der Themen des Alltagshandelns vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Strukturen aus verschiedenen Theorieperspektiven behandelt werden. Im interdisziplinären Master Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft bin ich vor allem für die qualitative Methodenlehre zuständig. Dabei ist es mir wichtig, ein breites Verständnis für Methoden zu vermitteln und zu verdeutlichen, dass qualitative Forschung mehr als das Führen von Interviews ist. Teil beider Studiengänge sind Forschungsseminare, in der Studierende eigene Projekte entwickeln und umsetzen.
Achim Oberg: Seit 2020 habe ich die Professur Soziologie, insbesondere Digitale Sozialwissenschaft, inne. In unserem Team analysieren wir digitale Daten mithilfe sozialer und semantischer Netzwerkanalysen und interpretieren sie durch die Brille neo-institutionalistischer Theorieansätze. Wissenschaftlich ausgebildet bin ich als Wirtschaftsinformatiker und Organisationssoziologe. Methoden der Wirtschaftsinformatik helfen mir natürliche digitale Daten, die im Alltag von Organisationen produziert werden, zu erheben und zu analysieren. Soziologische Theorien erlauben es, etwas über soziale Prozesse und Strukturen aus diesen natürlichen Daten zu lernen. In unserem Team beobachten wir Tausende von Organisationen, die zu zentralen gesellschaftlichen Themen im World Wide Web oder in Social Media in organisationalen Feldern interagieren. Die Verlinkungen der Organisationen machen soziale Strukturen deutlich, in denen sich verschiedene Akteur:innen dann mit Aussagen zu diesen Themen positionieren.
Daraus ergeben sich auch die Schwerpunkte meiner Lehrtätigkeit. Als Team lehren wir digitale Sozialwissenschaften bzw. Digital Social Science sowohl im Bachelor als auch im Master. Im Bachelor Soziologie kooperieren wir im Grundkurs Methoden mit Praxispartner:innen und bieten Vertiefungsseminare an, in denen sozialer und semantischer Netzwerkanalyse mit Python-Programmierung für Soziolog:innen kombiniert wird. Im Master Soziologie diskutieren wir mit Studierenden aktuelle Forschung zu Themen der Nachhaltigkeit und des Klimawandels. Mir ist dabei wichtig, Studierende für theoriegeleitete empirische Forschung zu begeistern.
ROSI: Welche Berührungspunkte hattet ihr bisher mit Transfer?
Achim Oberg: Durch meine Verankerung in der Organisationssoziologie waren die ersten Berührungspunkte mit Transfer Abschlussarbeiten mit Unternehmen, Organisationen, Parteien und Thinktanks. Diese Kooperationen zwischen Praxispartner:innen, Studierenden und Lehrenden habe ich dabei als sehr produktiv wahrgenommen. In Forschungsprojekten haben wir in den letzten zehn Jahren viel zur Sharing Economy gearbeitet und dabei mit Kommunen wie der Stadt Wien zusammengearbeitet. Dabei haben wir erlebt, dass Werkzeuge aus der Praxis zur Messung des sozialen Impacts sehr produktiv in der wissenschaftlichen Forschung weiterentwickeln werden können. Unsere Analysen halfen dann sowohl in der Praxis als auch in der Forschung – es war eine sehr positive Erfahrung.
Katharina Manderscheid: Ich befasse mich vor allem in der Forschung mit Transfer. So habe ich gemeinsam mit Prof. Dr. Anita Engels im Projekt „Klimafreundliches Lokstedt“ gearbeitet, in dem wir unter anderem mit dem HVV kooperiert hat. In diesem Kontext hat mein Team eine Reallaborforschung zur Veränderung der Verkehrspraktiken durchgeführt. Dabei konnten freiwillige Teilnehmer:innen drei Monate ausprobieren, was Unterwegssein ohne eigenes Auto heißt. Ihnen wurden verschiedene alternative Verkehrsoptionen zur Verfügung gestellt. Das war total spannend. Der Transfer bestand hier in der Zusammenarbeit mit den Bewohner:innen und verschiedenen Verkehrsanbieter:innen. Ein weiteres transferbezogenes Projekt, das ich durchgeführt habe, war eine Auftragsforschung in Rendsburg mit der NAH.SH im Rahmen eines. Pilotprojekts zu On Demand Mobilität als Teil des öffentlichen Verkehrs. On Demand-Verkehr gibt es ja inzwischen in vielen Regionen, wie auch hier in Hamburg mit Moia oder hvv hop. In diesem Forschungsprojekt zu On Demand Verkehr in Rendsburg haben uns die politischen Entwicklungen etwas überrollt: noch während unserer Forschung wurde eine Verstetigung und Ausweitung des Angebots beschlossen. Trotzdem war es eine sehr spannende Kooperation zwischen dem Verkehrsministerium Schleswig-Holsteins, den Beteiligten von der NAH.SH, den Fahrgäst:innen und Fahrer:innen und uns. Im Rahmen der Veranstaltung Empirisches Praktikum im BA Sozialökonomie waren auch Studierende beteiligt und haben als Teil des Projektes praktisch Methoden angewendet und interpretiert, was die Lehre und die Projektarbeit total bereichert hat.
ROSI: Was hat euch dazu motiviert, die Rolle der wissenschaftlichen Leitung zu übernehmen, und warum ist diese neue Aufgabe für euch wissenschaftlich interessant?
Achim Oberg: Ich habe aus der Ferne die Arbeit des ROSI kennengelernt und fand das beeindruckend. Hinzu kam das Mitarbeitende aus meinem Team, die in ROSI-Kooperationsprojekten mitgearbeitet hatten, begeistert waren. Mich beeindruckt, wie viel das ROSI in Lehre und Forschung in den vergangenen Jahren bewegt hat. Daher möchte ich das ROSI bei der Weiterentwicklung unterstützen und die Vernetzung innerhalb der Fakultät und mit dem Exzellenzcluster für Klima, Klimawandel und Gesellschaft CLICCS, in dem ich Co-Sprecher bin, stärken. Da ist es eine Chance, das Katharina Manderscheid und ich aus verschiedenen Fachbereichen kommen.
Katharina Manderscheid: Als ich an die Uni Hamburg gekommen bin und auf das Projektbüro für angewandte Sozialforschung, als Vorgängerin des ROSI, aufmerksam geworden bin, war ich begeistert. Diese Art der transferorientierten Arbeit finde ich wichtig. Ich hatte immer mal wieder punktuell Kontakt mit dem ROSI, zum Beispiel war es in einer Beratungsfunktion Anlaufstelle, als ich Fragen zu einer eigenen Forschungskooperation mit Praxispartnern hatte. Für die Lehre fand ich den Grundkurs Methoden schon lange sehr interessant, der als Lehrformat wichtige Kompetenzen an die Studierenden vermittelt und eine Möglichkeit bietet, nicht nur für die Schublade zu lernen. Selbst habe ich als Lehrende dann die Erfahrung in dem genannten Empirischen Praktikum als Teil des Projektes zu On Demand-Verkehr gemacht und dabei gesehen, wie begeistert Studierende das Arbeiten mit der Praxis aufnehmen und das Gefühl haben, dass ihre Arbeit praktisch relevant ist. Deshalb finde ich es wichtig, in meiner neuen Rolle, eine Zusammenarbeit mit der Sozialökonomie herzustellen, da wir aufgrund unserer Interdisziplinarität weitere Kompetenzen mitbringen.
ROSI: Welche neuen Impulse bringt ihr mit? Was sind eure Themen und Wünsche für das ROSI?
Katharina Manderscheid: Zum einen ist es mir wichtig, das ROSI über den Fachbereich Sozialwissenschaften hinaus an der Fakultät zu etablieren und zu überlegen, was gut für die Sozialökonomie ist oder ein Format zu entwickeln, dass fachbereichsübergreifend etabliert werden kann und so zu engeren Kooperationen zwischen uns führt. Zum anderen gibt es bereits die Methodenklinik für quantitative Methoden und da fände ich es sinnvoll, auch eine für qualitative Methoden zu entwickeln.
Achim Oberg: Im Sommersemester unterrichten mein Team und ich drei der Methoden-Grundkurse für Soziolog:innen und Politikwissenschaftler:innen. Dabei verwenden wir das vom ROSI entwickelte Format, in dem Praxisparter:innen Forschungsfragen motivieren und die Ergebnisse der Studierende dann mit den Studierenden diskutieren.
An den Erfolg der angebotenen Methoden-Werkstatt des ROSI anschließend wollen wir in Zukunft schauen, inwieweit unsere digitalen Methoden und Daten für Projekte des ROSI bzw. für eine Digitale-Methoden-Werkstatt genutzt werden können. Mittelfristig möchte ich die Zusammenarbeit zwischen dem Exzellenzcluster CLICCS und dem ROSI vorantreiben, um Grundlagenforschung und ko-kreative Forschung weiter zu vernetzen. Das ROSI verwendet ja einen breiten Transferbegriff, der neben Patenten für technische Innovationen insbesondere soziale Innovationen hervorhebt. Dies ist nicht nur für Unternehmen wichtig, die nicht nur technologisch, sondern auch in ihren sozialen Bedingungen innovieren müssen sondern spricht Organisationen und Initiativen der Zivilgesellschaft an, die wichtige gesellschaftliche Probleme aufgreifen. Wir müssen die soziale Innovationsfähigkeit stärken!
Katharina Manderscheid: Den Punkt finde ich auch sehr wichtig, .dass wir eben auch über das ROSI vermitteln können, was Sozialwissenschaften eigentlich machen und was sie in einer Gesellschaft leisten können. Natürlich beschäftigen wir uns auch mit teilweise schwer verständliche Theorien, aber wir machen auch sehr, sehr konkrete Forschungen mit unmittelbarem Praxisbezug. Was unsere Studierenden lernen sollen, ist auch praxisnah zu forschen, um gesellschaftliche Probleme bzw. spezifische Fragestellungen besser zu verstehen. Das ist eine Kompetenz, die man sich nicht am Schreibtisch zusammenklicken kann.
Wir danken Katharina Manderscheid und Achim Oberg für das Gespräch und freuen uns auf die gemeinsame Arbeit im ROSI.

