soziale Innovation (ROSI)
15 Jahre ROSI – Ein Rückblick mit Prof. Dr. Kai Uwe Schnapp"Es ist nicht so, dass ich das ROSI loswerden möchte, aber ich bin überzeugt, dass jede Organisation irgendwann einen Wechsel an der Spitze dringend braucht. Für das ROSI (und mich) war es einfach Zeit."
1. Februar 2026

Foto: Universität Hamburg
2011 gründete Prof. Dr. Kai-Uwe Schnapp das Projektbüro Angewandte Sozialforschung – das heutige ROSI – und führte dieses fortan 15 Jahre als wissenschaftlicher Leiter. Mit seiner neuen Tätigkeit als Dekan der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften übergab Kai-Uwe Schnapp nun zum Wintersemester 2025/26 die Leitung des ROSI. Im Interview blicken wir mit ihm noch einmal auf die gemeinsame Zeit zurück – auf die Anfänge, seine Highlights und schönsten Momente.
ROSI: Warum hast Du das Projektbüro Angewandte Sozialforschung – heute ROSI – gegründet?
Kai-Uwe Schnapp: Die Geschichte ist schon oft erzählt, aber davon wird sie nicht schlechter. Es gab drei Impulse für die Gründung des Projektbüros. Der erste Impuls kam 2011 während meiner Lehrtätigkeit im Grundkurs Methoden. Ich habe beobachtet, wie die Studierenden sehr viel Zeit in diesen Kurs investiert haben, klar bei der hohen Zahl der Leistungspunkt für den GK M. Dabei untersuchten sie zugespitzt jedes Jahr wieder, ob Studierende der Politikwissenschaften anders wählen als Studierende der BWL. Ich habe gedacht, dass die Energie, die da reingeht, sinnvoller genutzt werden kann, als mit einem großen Aufwand die immer gleiche Forschungsfrage zu bearbeiten.
Kurz darauf klopfte es an meiner Tür und der SPD-Kreisgeschäftsführer in Altona stand im Türrahmen und wollte mit mir ins Gespräch kommen. Damals hatte ich noch viel Zeit und bat ihn zu mir ins Büro. Er berichtete daraufhin von seiner riesigen Mitgliederstatistik, mit lauter Daten, mit denen er nichts anfangen kann, aus denen er aber Erkenntnisse gewinnen würde.
Zeitgleich hatte ich eine Stelle ausgeschrieben, auf die sich unter anderen eine Bewerberin meldete, die in Greifswald studiert hatte und im Gespräch begeistert von ihrer Arbeit in einer studentischen Unternehmensberatung berichtete. Beim Spazierengehen kamen diese drei Sachen plötzlich in meinem Kopf zusammen: 1. Es gibt Studierende, die einen Haufen Zeit in einen Kurs investieren. 2. Es gibt Akteur:innen in der Stadtgesellschaft, die Anliegen und Fragestellungen haben, die sie nicht selbst bearbeiten können. 3. Es gibt Organisationsformen – wie etwa studentische Unternehmensberatung – mit deren Hilfe man möglicherweise Studierende und externe Praktiker:innen zusammenbringen könnte. Mein damaliges Team und ich haben die drei Komponenten dann zusammen gedacht und schließlich gegründet, natürlich keine Unternehmensberatung, sondern das Projektbüro Angewandte Sozialforschung. Das Projektbüro sammelte die Anliegen der Zivilgesellschaft und brachte sie aufbereitet mit den Lehrenden und Studierenden zusammen. So konnte die Energie der Studierenden mit einem Mehrwert für sie selbst und die Zivilgesellschaft genutzt werden. Diese Idee hat sich getragen und seit 2011 weiterentwickelt.
ROSI: Das Projektbüro war lange Teil Deiner Professur. Wie habt Ihr Euch organisiert und wie sahen Deine Aufgaben als wissenschaftlicher Leiter aus?
Kai-Uwe Schnapp: Beim ROSI war meine Rolle eigentlich immer im wissenschaftlichen Bereich. Der organisatorische Part lag relativ schnell bei der Person, die wir Geschäftsführung nennen und die dafür eine festentlohnte Stelle hatte. So war von Anfang an die Arbeitsteilung. Bei inhaltlichen Diskussionen, da war ich mit an Bord. Das waren beispielsweise Fragen zur Methodik in Forschungsprojekten. Bei Organisationsfragen war ich eher Sparringspartner, wobei die Expertise hier immer im Team lag. Das war eine sinnvolle Arbeitsteilung. Es zeigte sich nämlich, dass wenn man eine praxisorientierte Lehrveranstaltung regelmäßig in die Lehre einbauen will, man den Lehrenden einen großen Teil dieser Orga-Arbeit abnehmen muss. Nur so ist es möglich als Lehrperson einen solchen Kurs regelmäßig und nicht nur alle fünf Jahre zu geben.
ROSI: Was nimmst Du aus Deinen 15 Jahren Projektbüro und ROSI mit?
Kai-Uwe Schnapp: Also in gewisser Weise war das ROSI ja eine Idee der Hilfe zur Selbsthilfe. Ich war (und bin) begeistert von praxisorientierter Lehre und mit dem ROSI wurde eine Struktur geschaffen, die mir ermöglicht hat, Kurse zu geben, bei denen ich überzeugt bin, dass sie für die Studierenden noch viel mehr bringen als normale Kurse. Ich habe gemeinsam mit den Studierenden Einblicke in Lebensbereiche der Stadt bekommen, die ich so nicht kennengelernt hätte. Und es war auch immer ein bisschen witzig, einerseits die Leitung zu sein und andererseits auch derjenige, der selbst in den Kursen lehrt. Durch die gemeinsame Arbeit an den Projekten durfte ich unmittelbar erleben, wie engagiert die Studierenden sind, welche verschiedenen Höhen und Tiefen der Projektarbeit sie durchlaufen, wie sie daran wachsen und wie viel Spaß sie schließlich dabei haben. Es gibt keinen anderen Kurs, indem du so viel von den Studierenden und ihren Perspektiven mitbekommst. Das ist das größte Geschenk, dass das Projektbüro/ROSI mir über die Jahre immer wieder gemacht hat. Das hat sich in meinem Lehrteam genauso widergespiegelt. Es war toll zu sehen, wie die allermeisten das Format wertgeschätzt und rückgemeldet haben, dass das ein Lehrkontext ist, der ihnen selbst im Studium gefehlt hat. Zu sehen, wie wir hier gemeinsam eine Lehr-Lern-Umgebung geschaffen und ausgestaltet haben, in der die allermeisten gern zusammen arbeiten, das war großartig.
ROSI: Kannst Du uns ein paar konkrete Highlights aus 15 Jahren nennen?
Kai-Uwe Schnapp: Mir fallen direkt zwei Projektergebnisse ein, die zu Beginn der 15 Jahren liegen und die uns damals bestätigt und angespornt haben. Zum einen war das eine Bildungsinitiative in Hamburg Großlohe, die Kursangebote aus den Volkshochschulen für Menschen organisiert hat, die selbst nicht zur Volkshochschule gehen. Diese Initiative meldete sich mit der Frage, ob sie die Menschen im Stadtteil überhaupt mit ihren Angeboten erreichen. Wir haben uns der Fragestellung angenommen, sind durch den Stadtteil gelaufen und haben Menschen vor Ort befragt. Dabei konnten wir zwei zentrale Erkenntnisse gewinnen: Zum einen äußerte ein großer Teil der Befragten Interesse an den Angeboten. Diesem Interesse konnten sie aber aus Mangel an Kinderbetreuung für die Kurszeiten in den Abendstunden nicht nachgehen. Zum zweiten wurde deutlich, dass die angebotenen Kursinhalte nicht mit den Erwartungen und Bedürfnissen der Communities vor Ort übereinstimmten. Ein paar Monate später erhielten wir dann einen Brief der Initiative, in dem sie berichteten, ihr Kursprogramm zum neuen Kursjahr inhaltlich entlang der Erkenntnisse neu aufgestellt und eine Kinderbetreuung eingerichtet zu haben. Eine so direkte Umsetzung unserer Erkenntnisse in die Praxis war ein Impact, mit dem wir Lehrenden und die Studierenden nicht gerechnet hatten. Das war sehr bedeutend für das Selbstwirksamkeitsgefühl der Studierenden.
In einem anderen Methoden Grundkurs haben wir mit dem Hamburger Sportbund zusammengearbeitet und die Frage bearbeitet, ob die Hamburger Sportstätten barrierefrei sind, bzw. wie der Grad der Barrierefreiheit von Menschen mit Behinderung wahrgenommen wird. Die Sportstätten waren im Sinne der gesetzlichen Vorgaben barrierefrei, doch der Sportbund war unsicher, ob das ausreichend ist. Neben einer standardisierten Befragung führten die Studierenden eine qualitative Befragung mit Sportler:innen durch, aus dieser sehr deutlich wurde, dass sie durch die räumlichen Gegebenheiten und paternalistischen Strukturen Barrieren in den Sportstätten regelmäßig erleben. Der Ansprechpartner war überrascht, was wir mit dem qualitativen Instrument alles rausgefunden hatten. Der größte Knall kam dann aber ein Jahr später, als er sich bei uns meldete und berichtete, dass der Deutsche Olympische Sportbund für den Betrieb von Sportstätten in Deutschland eine neue Richtlinie rausgegeben hat und diese Ergebnisse dort eingeflossen sind.
Ein Highlight ist schließlich, dass das Projektbüro sich losgelöst von meiner Professur zu einer fakultären Transfereinrichtung etabliert hat und nun als ROSI auf eigenen Beinen steht. Das bedeutet auch, dass nach 15 Jahren unter der immer gleichen wissenschaftlichen Leitung ein Wechsel anstehen sollte und mit Katharina Manderscheid und Achim Oberg hat das ROSI zwei neue Leitungen mit viel Elan und neuen Impulsen erhalten.
ROSI: Was wünscht Du dem ROSI für die Zukunft?
Kai-Uwe Schnapp: Ich wünsche dem ROSI, dass es Bestand hat, alt und weise wird.
Dass das ROSI mit seinen praxisbezogenen Lehrformaten die Qualität der Lehre verbessert, davon bin ich überzeugt. Im Studium die Möglichkeit zu haben, an realen Problemen zu forschen, ist viel wert. Es zeigt schon im Studium, was Sozialwissenschaftler:innen beitragen können, es fördert die studentischen Kommunikations- und Kooperationskompetenzen und es bietet eine Möglichkeit, ohne Praktikum Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und Formen der (sozialwissenschaftlichen) Arbeit kennenzulernen. Daher wünsche ich mir, dass das ROSI seinen Wirkungsspektrum deutlich verbreitert, dass Kolleg:innen aus anderen Fachbereichen mit dem ROSI kooperieren und dass noch viel mehr Studis auch in den Genuss kommen, solche Veranstaltungen besuchen zu können.
Ich wünsche dem ROSI aber auch, dass es über die Grenzen der Uni hinaus sein Wirken erweitert, weitere zivilgesellschaftliche Akteur:innen erreicht und mit ihnen an praktischen und im zivilgesellschaftlichen Alltag relevanten Fragestellungen arbeitet. So schaffen wir eine Möglichkeit der Gesellschaft – die unsere Uni ja finanziert – auf direktem Weg etwas zurückzugeben. Das passiert schon, wenn ich kleinen zivilgesellschaftlichen Organisation mit wenig bis keine Ressourcen begegne, ihre Fragestellungen aufnehmen und sie dabei unterstütze, Erkenntnisse zu gewinnen. Das schafft Verbindungen zwischen Universität und Gesellschaft, macht die Uni zu einem Ort der Begegnung und zeigt vielen, wozu Unis (auch) gut sein können.
ROSI: Wir danken Kai-Uwe Schnapp für die gemeinsamen Jahre und wünschen ihm viel Erfolg für seine Tätigkeit als Dekan der Wiso-Fakultät.

