Gründungsaufruf

Gründungsaufruf an alle deutschen Hochschullehrer für Volkswirtschaftslehre

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

hinter uns liegen dramatische Wochen. Die drohende Zahlungsunfähigkeit von Mitglieds-staaten der Eurozone und die vermeintlichen Gefahren für die Gemeinschaftswährung gaben Bundesregierung, Bundestag und Europäischer Zentralbank Anlass, in kürzester Zeit Entscheidungen von historischer Tragweite zu treffen.

Wir alle bejahen die politische Einigung Europas und das Ziel einer weitreichenden wirtschaftlichen Integration seiner Staatengemeinschaft. Wir alle wissen, dass die politische Führung eines Landes imstande sein muss, in einer Notlage schnell und entschlossen zu handeln. Wir alle bejahen entschieden die alleinige Entscheidungs-kompetenz der demokratischen Institutionen unseres Landes im Rahmen ihrer durch das Grundgesetz definierten Kompetenzen.

Aber uns eint das Wissen, dass die als Notlage empfundene Situation der letzten Wochen nur entstehen konnte, weil seit längerer Zeit deutlich sichtbare Warnsignale von den politischen Entscheidungsträgern nicht angemessen gewürdigt wurden. Uns eint die Sorge, dass Entscheidungsträger vom Gang der Ereignisse getrieben wurden und nicht ausreichend Gelegenheit hatten, die weitreichenden Konsequenzen ihrer Beschlüsse zu durchdenken. Und uns eint die selbstkritische Einschätzung, dass die wissenschaftliche Volkswirtschaftslehre in Deuschland es versäumt hat, sich in ausreichendem Maße Gehör zu verschaffen.

Zwar haben viele von uns in öffentlichen Stellungnahmen zu der aktuellen Krise Position bezogen und manche haben bereits seit vielen Jahren Fehlentwicklungen aufgezeigt. Aber dies waren stets nur Äußerungen Einzelner oder kleinerer Gruppen, die deshalb auch nur als Einzelmeinungen in der politischen Willensbildung rezipiert wurden. Der deutschen Volkswirtschaftslehre in ihrer Gesamtheit fehlt ein angemessenes Forum, um sich kompetent, prägnant und ggf. auch schnell zu aktuellen wirtschaftspolitischen Entwicklungen von nationaler Bedeutung äußern zu können.

Deshalb rufen wir auf zur Gründung eines

Plenums der Ökonomen

als einer elektronischen Vollversammlung aller Hochschullehrer für Volkswirtschaftslehre, die an einer deutschen Universität oder als deutsche Staatsbürger an einer ausländischen Universität lehren.

Das Plenum der Ökonomen berät und äußert sich ausschließlich zu volkswirtschaftlichen Ausnahmesituationen von herausragender nationaler Bedeutung. Einziges Ziel des Plenums ist es, die Öffentlichkeit und die demokratisch legitimierten Institutionen unseres Staates rechtzeitig und fundiert über die Einschätzung der diesem Staat dienenden Wissenschaftler zu informieren.

Dafür nutzt das Plenum der Ökonomen elektronische Möglichkeiten. Es debattiert grundsätzlich öffentlich und mit voller Namensnennung im Respekt vor der Freiheit der Meinung und des Gewissens. Das Plenum der Ökonomen wird sich auf demokratischem Wege eine Satzung geben und ein Präsidium wählen. Das Präsidium eröffnet Debatten auf eigenen Beschluss oder auf Initiative des Plenums. Das Präsidium erarbeitet aussagekräftige Beschlussvorschläge, stellt diese elektronisch zur Abstimmung und vertritt die Beschlüsse nach außen. Näheres regelt die zu beschließende Satzung.

Das Plenum der Ökonomen ist sich der Tatsache bewusst, dass Wahrheiten nicht durch Mehrheitsbeschluss festgestellt werden können. Seine Beschlüsse dienen vielmehr dazu, dem Staat in drängenden volkswirtschaftlichen Fragestellungen so zu raten, wie es die Mehrheit der vom Staat zu volkswirtschaftlicher Forschung berufenen Wissenschaftler für der Sachlage richtig und angemessen hält. Die Debatten des Plenums dienen dazu, diesen Rat unter Berücksichtigung möglichst aller relevanten Argumente zu erteilen und auch die Auffassungen von dissentierenden Wissenschaftlern öffentlich zu dokumentieren.

Bitte beteiligen Sie sich am Plenum der Ökonomen! Unterzeichnen Sie diesen Aufruf[1] und wirken Sie mit an Debatten und Beschlüssen des Plenums der Ökonomen. Ermöglichen Sie es der deutschen wissenschaftlichen Volkswirtschaftslehre, sich nachdrücklich zu positionieren, sobald die Bundesrepublik Deutschland erneut schwierige Entscheidungen mit langanhaltenden Auswirkungen auf die Wohlfahrt unseres Staates treffen muss.

gez. Bernd Lucke (als Initiator), Universität Hamburg


[1] Bitte erklären Sie Ihre Unterzeichnung per email an lucke [at] econ.uni-hamburg.de. Namen und Institutionen der Erstunterzeichner und aller Unterzeichner werden auf der Homepage des Plenums der Ökonomen veröffentlicht werden.

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