Diskussion um MOOCs erreicht Uni Hamburg

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Was spricht für, was gegen MOOCs? © 123rf.com

Online-Kurse von renommierten Hochschulen, an denen jede und jeder kostenlos teilnehmen kann: „Massive Open Online Courses“ (MOOCs) sind ein Thema, das mittlerweile auch fachfremde Kreise beschäftigt. Selbst taz und FAZ beteiligen sich an der Diskussion um die Bedeutung des MOOC-Hypes auf die deutsche Hochschullandschaft, und die Stiftung Warentest klärte soeben die Allgemeinheit auf. Der Hamburger Senat hielt es gar für angebracht, den Hochschulen zu versichern, sie würden nicht verpflichtet, MOOCs anzubieten. Zwei Wissenschaftler der Universität Hamburg (UHH), die sich aus unterschiedlicher Perspektive intensiv mit dem Thema befassen, kommen nun im Newsletter der Uni zu Wort. Ihre Sicht auf das Thema könnte kaum unterschiedlicher sein. Hier, ganz ungeordnet, einige prägnante Zitate aus dem Gespräch.

Prof. Dr. Rolf Schulmeister

Prof. Dr. Rolf Schulmeister

Prof. Dr. Rolf Schulmeister gilt im deutschsprachigen Raum als einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Begleiter der Digitalisierung der Hochschulbildung in den USA und in Deutschland. 1970 gründete er an der UHH das Interdisziplinäre Zentrum für Hochschuldidaktik (IZHD; heute Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung). Er konzipierte die erste, 2006 vom Präsidium verabschiedete eLearning-Strategie der Universität Hamburg. 2013 gab er den Sammelband „MOOCs – Massive Open Online Courses. Offene Bildung oder Geschäftsmodell?“ heraus, der frei zugänglich ist.

Dr. Frank Hoffmann (Screenshot moocfellowship.org)

Dr. Frank Hoffmann (Screenshot moocfellowship.org)

Dr. Frank Hoffmann ist Wissenschaftlicher Oberrat am Institut für anorganische und angewandte Chemie. Er arbeitet zurzeit an einem MOOC über die „Faszination Kristalle und Symmetrie“, den das Unternehmen iversity ab April 2014 anbietet. Als einer von zehn Gewinnern des gemeinsamen Förderwettbewerbs vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und iversity setzte er sich mit seinem Konzept gegen 250 Mitbewerbungen durch.

Di­dak­tisch be­trach­tet sind die MOOCs keine wirk­li­che In­no­va­ti­on, denn sie be­ru­hen weit­ge­hend auf einem Lehr­mo­dell, das be­ha­vio­ris­ti­sche Wur­zeln hat.Schulmeister

Seit Sep­tem­ber 2013 ar­bei­ten mein Kol­le­ge Mi­cha­el Sar­tor und ich abends, nachts und am Wo­chen­en­de – schät­zungs­wei­se wer­den es bei mir al­lei­ne bis zum Start des Kur­ses ca. 800 Stun­den wer­den.Hoffmann

Die Kri­te­ri­en guter Lehre wer­den nicht durch die Vi­deo­über­tra­gung er­füllt oder die zwi­schen die Vi­deo­schnip­sel ge­streu­ten Mul­ti­ple-​choice-​Tests, son­dern die wahre Her­aus­for­de­rung guten Un­ter­richts be­steht in der ge­konn­ten Durch­füh­rung eines in­ter­ak­ti­ven Se­mi­nars.Schulmeister

Vi­de­os von ca. 5 Mi­nu­ten Länge stel­len ein we­sent­li­ches Ele­ment dar. Neben spe­zi­ell er­stell­ten 3D-​Ani­ma­tio­nen wer­den wir viele Screen­casts ein­set­zen, d.h. durch Au­dio­kom­men­ta­re er­gänz­te Auf­zeich­nun­gen von Bild­schirm­prä­sen­ta­tio­nen. Diese Ler­nein­hei­ten (‚Units‘) wer­den von Quiz­fra­gen und Dis­kus­si­ons­an­ge­bo­ten be­glei­tet.  Fer­ner gibt es klei­ne­re Haus­auf­ga­ben, z.B.: ‚Sucht und be­stimmt Sym­me­tri­en in Eurer Um­ge­bung und ladet ein ent­spre­chen­des Foto hoch.‘Hoffmann

Die in­ter­vall­mä­ßi­ge Un­ter­bre­chung durch Test­fra­gen in den MOOCs mag kurz­fris­tig hilf­reich für Ein­zel­ne sein, um die Auf­merk­sam­keit zu er­hal­ten, führt lang­fris­tig aber nur zur Ver­stär­kung eines ex­trin­sisch sti­mu­lier­ten und un­selb­stän­di­gen Lern­ver­hal­tens.Schulmeister

Die Vor­tei­le er­ge­ben sich nicht un­be­dingt aus dem „mas­si­ve“, son­dern aus der Form: Zeit­lich und ört­lich ab­so­lut un­ge­bun­den zu sein, den Do­zen­ten zu jeder Zeit an­hal­ten zu kön­nen, schwie­ri­ge­re Pas­sa­gen be­lie­big wie­der­ho­len zu kön­nen, die Mög­lich­keit mit an­de­ren im be­glei­ten­den Dis­kus­si­ons­fo­rum über die In­hal­te dis­ku­tie­ren zu kön­nen usw.Hoffmann

Auf­zeich­nun­gen von Vor­le­sun­gen rei­chen im Grun­de für die Un­ter­stüt­zung der Ler­nen­den im Prä­senz­stu­di­um. Im Ver­gleich mit On­line-​Kur­sen schnei­det die in­ter­ak­ti­ve Prä­senz­leh­re in man­cher Hin­sicht bes­ser ab.Schulmeister

Die Prä­senz­ver­an­stal­tung könn­te sich dar­über hin­aus gemäß des Mo­dells des „flip­ped class­rooms“ wei­ter­ent­wickeln: Die Stu­die­ren­den sehen sich die Lehr­in­hal­te zu­nächst im Vor­we­ge on­line an und in der Fol­ge­wo­che fin­det ein In­ten­siv­se­mi­nar statt, in dem über den In­halt dis­ku­tiert wird, ver­blie­be­ne Fra­gen zum Stoff be­ant­wor­tet wer­den etc.Hoffmann

Auf­grund der Fi­nanz­kri­se in den USA und der Ein­bu­ßen in ihren Stif­tungs­ver­mö­gen ver­spre­chen sich ame­ri­ka­ni­sche Hoch­schu­len eine Kos­ten­er­spar­nis und Ka­pa­zi­täts­ge­win­nung.Schulmeister

Ich wün­sche mir, dass die Unis ihre ei­ge­nen MOOC-​Platt­for­men er­schaf­fen und so MOOCs völ­lig un­ab­hän­gig von even­tu­el­len kom­mer­zi­el­len In­ter­es­sen durch­ge­führt wer­den kön­nen! Zwei­tens, dass die Unis sich nicht wei­ter davor fürch­ten, uni­ver­si­tä­re In­hal­te allen Men­schen zu­gäng­lich zu ma­chen. Drit­tens, dass sich eine Wand­lung vom MOOC zum POOC voll­zieht (Per­so­na­li­zed OOC), denn Masse ist nicht un­be­dingt not­wen­dig. Vier­tens, dass MOOCs bzw. POOCs so selbst­ver­ständ­lich wie MP3s wer­denHoffmann

In Deutsch­land sind die Mo­ti­ve, einen MOOC an­zu­bie­ten, un­ter­schied­lich. Ich kann mir vor­stel­len, dass Ein­rich­tun­gen wie das Has­so-​Platt­ner-​In­sti­tut in Pots­dam ihr MOOC-​An­ge­bot als Wer­bung um Stu­die­ren­de ver­ste­hen, vor allem, wenn um Stu­die­ren­de aus dem Aus­land ge­wor­ben wird.Hoch­schu­len, die ein be­son­de­res Pro­fil ver­tre­ten und be­wer­ben, wie z.B. die Leu­pha­na Uni­ver­si­tät, kön­nen die Auf­merk­sam­keit, die sie durch ein MOOC bei Schü­lern und Stu­di­en­be­wer­bern er­hal­ten, gut ge­brau­chen. Auch klei­ne­re Hoch­schu­len in eher länd­li­chen Ge­gen­den, die mit den gro­ßen Uni­ver­si­tä­ten in den gro­ßen Städ­ten kon­kur­rie­ren, kön­nen so ihr Pro­fil auf­bes­sern. An­sons­ten sehe ich in Deutsch­land kei­nen Grund, in gro­ßem Maß­stab MOOCs (mit Tests, Prü­fun­gen und Zer­ti­fi­ka­ten) an­zu­bie­ten, die eher von Hoch­schul­ab­sol­ven­ten als Stu­die­ren­den be­sucht und von Alum­ni als Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­me be­trach­tet wer­den.Schulmeister

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