Workshop "Herausforderung Inklusion": (Um-)Denken und Handeln gegen Diskriminierung!

- Dr. S. Arnade und H.-G. Heiden moderierten.
„Herausforderung Inklusion – Partizipationschancen mehrfach diskriminierter Menschen am Arbeitsmarkt“ – unter diesem Motto veranstaltete das vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Pilotprojekt Netzwerk Partizipation mehrfach diskriminierter Menschen am 06.02.2013 einen ganztägigen Workshop an der Universität Hamburg. Ziel der Veranstaltung war es, Akteur_innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen und eine Diskussion zu der Frage anzuregen, wie Inklusion auf dem Arbeitsmarkt auch für Menschen erreicht werden kann, die von mehrfacher Diskriminierung – etwa aufgrund von Behinderung und Migrationshintergrund – betroffen sind. Als Moderation durch den Tag führten Dr. Sigrid Arnade und H.-Günter Heiden, die beide u.a. in der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) aktiv sind. Zum Auftakt des Workshops richtete die Dekanin der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg, Prof. Dr. Gabriele Löschper, ein Grußwort an die Teilnehmenden. Sie betonte die hohe gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz des Themas Inklusion und dankte Prof. Dr. Marianne Pieper, Leiterin der Projekts Netzwerk Partizipation mehrfach diskriminierter Menschen, und ihrem Team für ihr Engagement.

- Projektleiterin Prof. Dr. M. Pieper präsentierte erste Forschungsergebnisse.
Dass das ESF-Projekt in der Tat wissenschaftliche Pionierarbeit in einem bedeutenden, bislang aber noch kaum erschlossenen Problemfeld leistet, wurde im Impulsvortrag der Soziologieprofessorin Marianne Pieper deutlich: Knapp 30 Prozent der Einwohner_innen Hamburgs wird ein „Migrationshintergrund“ zugeschrieben, etwa 8,5 Prozent der Einwohner_innen sind als „behinderte Menschen“ registriert. Es ist also davon auszugehen, dass in der Hansestadt mehrere zehntausend Personen mit Behinderung und Migrationshintergrund leben. Zur Lebens- und Erwerbssituation dieser heterogenen Gruppe liegen jedoch keinerlei aussagekräftige statistische Daten vor. Dieser desolaten Datenlage setzte die Soziologin erste Ergebnisse der laufenden Pilotstudie entgegen, für die Interviews mit von Mehrfachdiskriminierung Betroffenen und mit Expert_innen aus Integrationsfachdiensten und -betrieben, aus Verbänden und Politik sowie eine umfassende telefonische Befragung durchführt wurden, für die die Forscher_innen 300 Hamburger Unternehmen kontaktierten. Anhand des Datenmaterials konnten Prof. Pieper und ihr Forschungsteam bisher zwei zentrale, sich auf vielfältige Weise überlagernde Linien der Diskriminierung herausarbeiten, die einem inklusiven Zugang zum Arbeitsmarkt entgegenstehen: Ableism (von engl. ability, dt. Fähigkeit) und Rassismus. Marianne Pieper erläuterte: „Ableism bezeichnet eine – wie selbstverständlich vorhandene – geradezu gewaltsam wirkungsmächtige Struktur von Überzeugungen, Bildern, Vorstellungen, Praktiken, baulichen Strukturen und Institutionen innerhalb der Gesellschaft, die bestimmte Fähigkeiten (nicht beeinträchtigt und maximal leistungsfähig zu sein) fraglos als gesellschaftliche Norm unterstellt. Menschen, die vermeintlich oder tatsächlich nicht dieser Norm entsprechen, werden als ‚Abweichung‘ oder unter dem Aspekt des Mangels betrachtet, statt sie als Ausdruck menschlicher Vielfalt zu sehen.“ Rassismus fand das Forschungsteam vor allem in einer „kulturalistischen“ Variante vor; Diskriminierung funktioniert hier über Vorstellungen geschlossener „Kulturkreise“ und einer „Unvereinbarkeit von Kulturen“ auch am Arbeitsplatz. In der telefonischen Unternehmensbefragung äußerten 60 Prozent der Befragten ableistische und rassistische Stereotype. Wie die Untersuchung verdeutlicht, besteht eine wesentliche Voraussetzung der Schaffung eines inklusiven Arbeitsmarkts im Abschied vom lange vorherrschenden Paradigma der Integration. Denn anders als das Konzept der Integration stehe Inklusion eben nicht für die Einpassung Einzelner in gesellschaftliche bzw. berufliche Normvorgaben, sondern für einen Prozess gesamtgesellschaftlicher Umorientierung und Öffnung. „Konsequent umgesetzt“, so Prof. Pieper, „bedeutet Inklusion die Schaffung von Arbeitsbedingungen, unter denen sich die Unterscheidung in behinderte und nicht-behinderte, aber auch in Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund oder Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft erübrigt – durch eine entsprechende Unternehmenskultur und in Form optimaler Anpassung von Arbeitsgeräten, -abläufen und -anforderungen.“

- Im Panel "Arbeitsmarktpolitik" wurde kontrovers diskutiert.
An den sensibilisierenden Problemaufriss Prof. Piepers schlossen sich – nach kurzer Erfrischungspause – parallel stattfindende Panels zu Sozialpolitik und Arbeitsmarktpolitik an, in denen die Teilnehmenden die aus ihrer jeweiligen Sicht gravierendsten Barrieren und vielversprechendsten Interventionsansätze diskutierten. Im Panel Sozialpolitik trafen sich Jurand Daszkowski, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener e.V., Ingrid Körner, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, Gerlef Gleiss, Geschäftsführer der Beratungsstelle für behinderte Menschen Autonom Leben e.V., und Lucie Veith, Vorsitzende des Vereins intersexueller Menschen e.V. Das Panel Arbeitsmarktpolitik versammelte Birte Weiß, tätig in der Anti-Diskriminierungsberatung bei Basis und Woge e.V., Torsten Prenner von der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitgeberservice für schwerbehinderte Akademikerinnen und Akademiker der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), Sebastian Schulze, Geschäftsführer und Pressesprecher des UV Nord – Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein e.V., Michael Hartwig, Soziologe und Aktivist für die Rechte mehrfachdiskriminierter Menschen, sowie Frank Loeding, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Behinderten- und Sozialpolitik von ver.di. In beiden Panels machten die Workshop-Gäste im Publikum regen Gebrauch von der Möglichkeit, Fragen zu stellen und die Aussagen der Diskutant_innen durch eigene Positionen und Erfahrungen zu ergänzen.

- Die Politiker_innen K. Abaci, K. Fegebank und M. Yildiz (v.li.n.re.) wollen sich für eine Stärkung von Inklusion engagieren.
Im Anschluss gab zunächst eine Pause Gelegenheit zu Erfrischung und lockerem Austausch, dann kamen die Teilnehmenden wieder im Plenum zusammen. Als Einstimmung auf den nächsten Programmpunkt, die große Podiumsdiskussion, fassten die Moderator_innen die Ergebnisse der vorangegangenen Panels zusammen. Wie in den beiden Arbeitseinheiten u.a. deutlich wurde, wird die komplexe Problematik von Mehrfachdiskriminierung und Inklusion von Diversität auch sozial- und arbeitsmarktpolitisch insgesamt noch nicht ausreichend wahrgenommen und angegangen. Vor dem Hintergrund dieses noch großen Handlungsbedarfs war nun die Expertise der Teilnehmenden der Podiumsdiskussion gefragt. Das Podium setzte sich zusammen aus Volker Ravenhorst, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehindertenvertretungen in der Hamburger Wirtschaft – ARGE SBV, Kai Wiese, Vorstandsvorsitzender von Jugend hilft Jugend e.V., Trägerverein des Stadthaushotels Hamburg, Stefan Sukop, Geschäftsführer der LMG gGmbH, Mehmet Yildiz (Die LINKE, MdHB), Fachsprecher für Familie/Jugend/Kinder, Migration und Sport, Katharina Fegebank (GAL Landesvorsitzende und MdHB), sozialpolitische Sprecherin der Grünen Bürgerschaftsfraktion, Kazim Abaci (SPD, MdHB), Fachsprecher für Integration, sowie Prof. Dr. Marianne Pieper, Soziologin und Projektleiterin.

- K. Wiese stellte das Konzept des Hamburger Stadthaushotels vor.

- S. Sukop berichtete aus dem Integrationsbetrieb LMG gGmbH.
Besondere Bedeutung kam im Rahmen der Podiumsdiskussion den Ausführungen Kai Wieses vom Stadthaushotel, dem „berühmtesten Integrationshotel Europas“, und Stefan Sukops von der LMG, einem niedersächsischen Integrationsunternehmen mit Schwerpunkt Metallver- und -bearbeitung zu. Die Schilderungen der beiden Praktiker zeichneten ein vielschichtiges Bild von Inklusion im Spannungsfeld der Maxime, durch gute Arbeit zu überzeugen anstatt durch eine Sonderstellung als Integrationsbetrieb (Wiese), und dem alltäglichen Ringen mit einer Gesetzeslage, die betriebliche Inklusion teils eher konterkariert als fördert (Sukop). Auch die engagierten Beiträge Volker Ravenhorsts, Marianne Piepers und des Publikums identifizierten bestehende Barrieren und enthielten darüber hinaus konkrete Forderungen und Vorschläge, um Inklusion ganzheitlich zu stärken. Darunter fällt z.B. die Aufnahme der Perspektive der Mehrfachdiskriminierung in den Hamburger Landesaktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Ein weiterer Ansatz wäre das Umschwenken von einer Sprache der Defizite und Beeinträchtigungen, wie sie etwa im diskriminierenden Begriff „Schwerbehinderung“ durchklingt, hin zu einem Diskurs, der die Potenziale und die Selbstverständlichkeit menschlicher Vielfalt hervorhebt. Angesichts der inspirierenden und herausfordernden Debatte zeigten sich die Vertreter_innen der Parteien entschlossen, die Themen Mehrfachdiskriminierung und Inklusion von Vielfalt künftig deutlich bewusster auf die politische Agenda zu setzen. – Ein begrüßenswertes Ansinnen, dessen konkrete Umsetzung das ESF-Projekt auch künftig produktiv und kritisch begleiten möchte.
Wie die Projektleiterin Marianne Pieper abschließend ankündigte, soll der mit dem Workshop angestoßene Dialog im Zuge von Folgeveranstaltungen ausgebaut werden. Gelegenheit zu einer eingehenden Auseinandersetzung mit aktuellen wissenschaftlichen Diskursen und Studien rund um den Themenkomplex Mehrfachdiskriminierung, Inklusion und Arbeit bietet auch die internationale Konferenz Ableism, Racism, and Conflicts of Participation and Inclusion in Society and the Labour Market, die das Projekt Netzwerk Partizipation mehrfach diskriminierter Menschen vom 06. bis 08. Juni 2013 an der Universität Hamburg ausrichten wird.
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