Banal aber global – Gespräch mit einem Späteinsteiger

Nach Jahren der Facebook-Abstinenz hat Till, 31, Headhunter, den Schritt gewagt, der Social-Networking-Site beizutreten. Obwohl er immer noch Zweifel an bestimmten Eigenschaften der Plattform hat, sieht er auch Gründe, die in der heutigen Zeit für Facebook sprechen. Ein Gespräch über Pro und Contra und den späten Facebook-Einstieg.

Das Interview führte Maike Döhling.

Till, 31

Warum warst Du so lange nicht auf Facebook?

Till: Weil private Informationen im Netz zugänglich sind. Man sieht die Aufenthaltsorte, meinen Bekanntenkreis, Fotos, Verknüpfungen, das möchte ich einfach nicht. Ich war vor zwei Jahren mal ganz kurz angemeldet und es hat mich einfach gestört, dass meine Daten gesammelt werden und öffentlich zugänglich sind. Ich hatte damals keine Ahnung von den ganzen Privateinstellungen, die man machen kann.

Dazu kam die Eifersucht meiner damaligen Freundin. Ich merke das ja auch selber, Facebook weckt einen Grundinstinkt zu spionieren, das ist einfach so. Jetzt, wo ich bei Facebook bin, wird auch schon Druck ausgeübt, weil ich keine Pinnwand habe. Die Leute fragen, warum man nicht öffentlich auf meine Seite schreiben kann.

Warum bist Du Facebook jetzt beigetreten?

Till: Ich wollte einfach mit den Freunden aus Kolumbien und mit anderen weltweiten Kontakten in Verbindung bleiben. In Deutschland habe ich bei Xing ein sehr großes Netzwerk. Das sind aber großteils Arbeitskontakte und ist eben einfach nicht international.

 

Till, 31, Headhunter: "Facebook ist eine Plattform, die Bestand hat, während wir immer stärker mobil geworden sind".

Glaubst Du, dass es schwieriger ist, ohne Facebook Kontakte zu halten?

Till: Abgesehen von den Freunden in Kolumbien und den weltweiten Kontakten, nein. Es ist mir nicht schwer gefallen. Ich telefoniere und treffe mich mit den Leuten in meinem geografischen Umfeld. Und ansonsten eben über E-Mail. Außerdem gibt es gute iPhone Apps, wie z. B. „What’s App“. Die sind super und einfach auch privater.

Worin siehst Du die Vorteile von Facebook?

Till: Ich war vor ein paar Jahren in Australien, die Kontakte sind abgebrochen. Jetzt, wo ich auf Facebook bin und einige wiedergefunden habe, erfahre ich interessante Neuigkeiten, zum Beispiel dass jemand geheiratet hat. Das finde ich schön.

Was ich an Facebook gut finde, ist, dass es eine Plattform ist, die Bestand hat, während wir immer stärker mobil geworden sind. In Zeiten der Globalisierung findet eine weltweite Bewegung statt. Menschen bleiben nicht mehr ihr Leben lang an einem Ort. Das internationale Networking ist einfach ein Pro für Facebook.

Was sind für Dich die Nachteile?

Till: Du weißt nicht, was mit deinen Daten passiert und was für Daten gesammelt werden. Deshalb habe ich so viele Privateinstellungen wie möglich, weil ich kontrollieren möchte, welche Informationen ich weitergebe und welche nicht. Die Bilder, die ich bei Facebook drin habe, habe ich bewusst ausgewählt, weil sie mich in einem positiven Licht darstellen. Das ist ja auch Marketing.

Für mich, in meinem Job ist das besonders wichtig. Ich weiß einfach um die Bedeutung des digitalen Profils, denn ich überprüfe meine Kandidaten auch auf ihre Facebook-Profile. Bei unvorteilhaften Partybildern scheidet derjenige eben aus. Ich screene potenzielle Kandidaten und mache sie gegebenenfalls auch auf ihr digitales Profil aufmerksam.

Was mich neben den Datengeschichten abschreckt, ist die Banalisierung, die auf Facebook geschieht. Dass selbst Politiker banale Dinge wie „ich esse gerade...“ schreiben. Das hat doch nichts mit Politik zu tun und ist völlige Zeitverschwendung!

Hast Du Dich als Außenseiter gefühlt, als Du nicht auf Facebook warst?

Till: Nein. Ich schließe es auch nicht aus, mich wieder von Facebook abzumelden bzw. mein Profil zu deaktivieren, und es vielleicht jedes halbe Jahr mal wieder zu aktivieren und mich bei den Leuten zu melden. Diese ständige Verfügbarkeit nervt. Ich finde es daher gut, dass man das Profil bestehen lassen kann, sprich die Kontakte (Freundesliste, Anmerkung der Redaktion) bleiben. Dadurch, dass du dein Profil deaktivieren kannst, kannst du theoretisch nur dann verfügbar sein, wenn du das auch willst.

Hattest Du manchmal das Gefühl, Du würdest etwas verpassen - Themen, Ereignisse, News -, weil Du nicht auf Facebook warst?

Till: Auch das nicht. Ich beteilige mich auch jetzt nicht an den ganzen Applikationen, Gesprächen und Orten. So weit will ich da nicht reingeraten.

Ich habe bei der Frage gerade aber doch kurz gedacht, dass ich manchmal denke, etwas zu verpassen. Und zwar betrifft es das Zeitgeschehen. Die ganzen Demos und Revolutionen in der arabischen Welt, Stuttgart 21 oder der Atomausstieg. Da werden durch Facebook einfach Massen mobilisiert. Das ist typisch für unsere Generation.

Was ist Dein persönliches Schlusswort zu Facebook?

Till: Die Grundidee des Networking ist gut, vor allem in Zeiten der Globalisierung. Die Dimensionen, die das aber annimmt bezüglich der Datenweitergabe und der banalisierten Inhalte, sprich der Small Talk, die Applikationen und Anwendungen, damit möchte ich nichts zutun haben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

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