Recherche im Web 2.0: Nutze die Schwarmintelligenz

Von Jette Studier

Social Media ist überall. „Völlig überschätzt“, motzen die einen. „Unverzichtbar“, schwärmen die anderen. In Deutschland sind über 19 Millionen Facebook-User registriert. Weltweit nutzen fast 200 Millionen Menschen Twitter. In jeder Minute werden 24 Stunden Video-Material auf YouTube hochgeladen. Das Web 2.0 sollte nach Zahlen eine ergiebige Quelle für Journalisten sein. Der „Social Media Trendmonitor 2011“, eine repräsentative Befragung der dpa-Tochter newsaktuell, spricht eine andere Sprache. Nur ein Drittel der Redaktionen in Deutschland hält sich für den Umgang mit Social Media gut oder sehr gut gerüstet. Zwar empfindet fast jeder zweite Journalisten Social Media als "wertvolles Arbeitswerkzeug", dafür halten aber auch 38% der befragten Journalisten Twitter&Co für „Nervkram“ oder ein „notwendiges Übel“. Nur 22% glauben, das Web 2.0 mache ihre Arbeit effektiver.

Soziale Netzwerke scheinen auf den zweiten Blick nicht die beste journalistische Quelle. Vor dem recherchierenden Journalisten breitet sich ein unübersichtlicher Berg an Informationen aus. Diesichere Anonymität des Netzes sorgt dafür, dass jede Quelle auf den ersten Blick unsicher ist. Doch diese Hürden können überwunden werden. Mit Hilfe cleverer Strategien und Sofware-Tools kann das Netz als Supernova unter den Quellen nutzbar gemacht werden. Einige wichtige Werkzeuge sind hier zusammengestellt.

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1. Themenfindung: Was sind die Trends in Social Media?

Das Netz ist eine Schwarmintelligenz – ein kollektiver Erfahrungsschatz. Genau das macht es für Journalisten so interessant. Oft werden Themen in Facebook, in Lokalblogs oder auf Twitter schon heiß diskutiert bis ein Journalist zufällig fündig wird und das Thema zu seiner Story macht

Aber auch der Zufall hat seine Regelmäßigkeiten. google.com/trends zeigt beispielsweise die meist gesuchten Begriffe im Netz nach Region und Zeitpunkt. Über search.twitter.com/advanced findet der Rechercheur die populärsten Themen in 140 Zeichen. icerocket.com bietet eine Real-Time-Analyse verschiedener Netzwerke und lässt eine gezielte Stichwortsuche zu. technorati.com und rivva.de durchstöbern die Blogossphäre.

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2. Menschen finden: Wer ist betroffen – und wer Experte?

Wer hat etwas erlebt? Wer kann mir genaueres sagen oder Informationen bestätigen? Auf groups.google.de findet ein Rechercheur das, was im Social Web Tag für Tag vor sich geht: Socializing. Zu fast jedem Thema hat sich eine Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, die Erfahrungen austauscht und diskutiert. Dies funktioniert auch über die einfache Suche nach einer Facebook-Gruppe.

Experten und Wissenschaftler sucht der Online-Rechercheur über Berufsnetzwerke wie xing.com oder linkedIn.de. Und wenn ein Informant ausgemacht ist? Dann gilt wie in jeder Offline-Recherche: Kontakt aufnehmen. Über Nachrichtenfunktionen und Formulare macht der Journalist auf sich und sein Anliegen aufmerksam. Dabei bleibt das oberste Gebot: Ehrlichkeit. Falsche Identitäten oder Vorwände sollten nur in Grenzfällen genutzt werden.

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3. Bilder und Videos: Wer hat's gesehen?

Auf twitpic.com veröffentlichen Twitter-User ihre Bilder und Videos. Diese können durchsucht, jedoch nicht rechtefrei genutzt werden. Es gubt aber ein Zitierrecht: Kurze Sequenzen aus Videos dürfen auf diese Weise verwendet werden. In allen anderen Fällen gilt: Das Recht am Bild bleibt beim User und dieser muss gefragt werden, bevor Bilder und Videos veröffentlicht werden dürfen. Dies gilt auch für Youtube-Videos, die dank Programmen und Browser-Add-ons wie VideoDownloadHelper mittlerweile leicht heruntergeladen und konvertiert werden können. Die Echtheit von Videos und Bildern kann oft nur durch direkte Nachfrage geklärt werden. Aber auch technische Hilfsmittel stehen zur Verfügung. So können Add-ons für Mozilla Firefox beispielsweise die EXIF/IPTC-Informationen von Bildern auslesen. Diese Metadaten zeigen zahlreiche Informationen an, unter anderem den genauen Zeitpunkt der Aufnahme, die Art des Aufnahmegeräts und unter Umständen sogar den Ort.

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4. Reality Check: Stimmt das wirklich?

Wer auch immer etwas im Netz gesagt hat, ist potentiell verdächtig.  Über allem liegt der schwere Schleier der Anonymität. Wer steckt wirklich hinter einer Information? Wenn der Rechercheur über Facebook&Co Kontakt zu jemanden aufgenommen hat, lohnt es sich herauszufinden, ob die Quelle glaubwürdig ist. Hierzu muss man kein Hacker sein. Im Netz stehen einige effektive und völlig legale Tools zur Verfügung. Hat sich der Informant mit Klarnamen ausgegeben, so sollte man diesen ganz einfach googlen. Taucht er dann auf einer Website auf, kann diese mittels denic.de oder domaintools.com geprüft werden. Diese Seiten verraten, auf wen eine Internetpräsenz registriert ist. Hat man E-Mail-Kontakt aufgenommen, lohnt es sich den Mail-Header vollständig anzeigen zu lassen. Dort ist die IP-Adresse des Absenders sichtbar, sodass über infosniper.net verifiziert werden kann, ob der angebliche Standort der betreffenden Person wirklich der Wahrheit entspricht.

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5. Überblick behalten: Wie sortiere ich das?

Langfristig in Social Media zu einem Thema zu recherchieren, kann schnell anstrengend und unübersichtlich werden. Viele der hier vorgestellten Tools machen vor allem Sinn, wenn man eine Information zwischendurch sofort benötigt. Trotzdem gibt es Werkzeuge, die auch langfristig Aktivitäten im Web 2.0 strukturieren. In tweetwally.com können Tweets einzelner User oder zu bestimmten Hashtags gesammelt werden. Noch weiter geht Tweetdeck: Es macht alle Twitter- und Facebook-Accounts, und viele Kontakte anderer Plattformen gleichzeitig auf einem eigenen virtuellen Schreibtisch sichtbar. Um einzelne wichtige Informationen aus Weblogs und von Websites zu sammeln empfiehlt sich eine Zitiersoftware. Das leicht zu bedienende Mozilla-Add-on Zotero ist zu diesem Zweck neben vielen anderen Tools ein beliebtes Werkzeug.