Noch nie hatten wir so viele Freunde, noch nie war Kontakthalten so einfach. Theoretisch. Der Freundschaftsbegriff werde verwässert, heißt es hier und da und in einigen Medien. Aber vielleicht müssen nur neue Kategorien gefunden werden. Sechs Jugendliche sprechen darüber, was für sie eine Freundschaft ausmacht und welche Rolle Facebook dabei spielt.

Von Violaine Kozycki

„Ja hey, war schön dich kennen gelernt zu haben. Hast du Facebook?“ Ich bejahe die Frage – wie so oft, wie Du oder Du oder Du wahrscheinlich auch. Kurz vor der endgültigen Verabschiedung: „Ach Moment, wie heißt du denn? Also, komplett?“ So, jetzt kennen beide zumindest schon mal den ganzen Namen. Das ist durchaus notwendig für den Beginn der neuen digitalen Freundschaft – sofern er oder sie diesen bei Facebook benutzt. Das hat früher manchmal bis zum ersten gegenseitigen Besuchen und Suchen des Klingelschildes gedauert. Jetzt den Namen bloß nicht vergessen. Wer ist schneller? Prima, jetzt sind wir Facebook-Freunde.

Einige Tage später: Ich sitze zu Hause, mir geht es eher medium-gut, ich brauche jemanden zum Quatschen. Rufe ein paar Freunde an; mit Treffen ist allerdings heute spontan nicht so gut. Die Vierte hat Zeit – wohnt aber 400 Kilometer weit weg. Wir telefonieren, zwei Stunden lang, ich heule mich aus – wunderbar! Die neue Bekanntschaft werde ich vermutlich nicht anrufen. Mh, vielleicht anchatten... aber treffen, um mich auszuheulen? Das geht dann doch schon zu weit. Es ist halt (noch) kein Freund.

Schatten von zwei MenschenWas macht einen Freund aus im Gegensatz zu einem Bekannten? Sechs Jugendliche haben sich zu dem Thema geäußert. Für Paul (Hamburg) ist es eine „reine Gefühlsfrage: Man spürt einfach irgendwann, wenn aus dem Bekannten ein Freund geworden ist“. Eine klare Definition anhand bestimmter Eigenschaften des Verhältnisses zueinander fällt ihm schwer. „Es handelt sich bei Freundschaft um einen emotionalen Wert, den man nur schwer beschreiben kann; man muss ihn fühlen“, sagt Jonas (Hamburg). Dennoch gibt es einige Punkte, die eine Freundschaft grundsätzlich ausmachen.
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Vertrauen: Respekt auch nach Geständnissen

Vertrauen spielt eine zentrale Rolle; „Bekannten vertraut man nicht so wie Freunden“, macht Inka (Bremerhaven) als zentralen Unterschied aus. Vertrauen ist die Basis einer echten Freundschaft. Vertrauen, dass das, was ich erzähle, bei dem anderen bleibt. Vertrauen, dass der Freund mich nach einem Geständnis immer noch schätzt. Vertrauen, dass ich alles anvertrauen kann. Torsten (Magdeburg) meint, dass „im Gegensatz zu Freundschaften, Bekanntschaften solche Werte wie Vertrauen nicht brauchen, und wenn, dann nur in einem Rahmen der Höflichkeit“.

Freundschaft ist exklusiv – und bedeutet Arbeit

Ein Bekannter kann jeder sein. Für Bekanntschaft tut man in den meisten Fällen auch erst mal aktiv nichts. Durch einen Umstand, sei es auf der Arbeit, einer Party oder einem Treffen mit Freunden, trifft man aufeinander, wird einander vorgestellt. Beide laufen aktiv nicht weg – schon sind sie „Bekannte“.

 „Freundschaft ist die positive Beziehung zu Menschen, die auf Zuneigung, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung beruht“, fasst Daniel (Dortmund) es zusammen. Freundschaft bedarf gewisser Pflege. Sie scheint an gewisse „Erwartungen geknüpft zu sein“ – Respekt, Ehrlichkeit, Offenheit – Erwartungen, denen beide „stets gerne und ungezwungen aus innerem Antrieb“ nachkommen, sagt Jonas. Freundschaft ist also auch Arbeit. Und diese Kraft verwendet man nur auf einen exklusiven Kreis von Menschen. 

Wie sieht Exklusivität im Internet aus? Freundeslisten mit 300 oder mehr Freunden: In den Medien ist von einem Verfall des Freundschafts-Begriffs die Rede - da wird bei ZEIT online Freundschaft zur Ware , und ist bei dem Blogger Tim Ruster nur einen Klick entfernt. Zeit, eine neue Kategorie einzuführen: der Facebook-Freund. "Ja, wir sind Facebook-Freunde" bedeutet für mich, "Wir sind bekannt", aber nicht "Wir sind Freunde, in dem Sinne, wie ich Freundschaft definiere". Facebook hilft Bekanntschaften aufrecht zu erhalten. Hier ein „Like“, dort ein Kommentar. Nach dem Besuch des Profils eines Facebook-Freundes weiß ich, "Oh, er war gestern auf dem-und-dem Konzert, morgen muss er die Bachelorarbeit abgeben und sein Hund hat Husten". Ich kenne ihn. Zumindest oberflächlich. Und ich weiß in vielen Fällen mehr über seinen Alltag als es bei Bekannten früher der Fall war – aber in der Regel nicht so viel, wie von echten Freunden. Das, was einen eigentlich bewegt hat, Dinge zu posten, was wirklich dahinter steckt, das erfährt nur der Freund. Und dazu noch das, was eben nicht gepostet wird.

Facebook kann helfen, Freundschaften zu pflegen, zum Beispiel, die mit alten Schulfreunden, die jetzt wegen der Ausbildung in einer anderen Stadt leben. Damit es weiter eine Freundschaft ist, bedarf es jedoch noch weiterer Dingen wie „persönlichem Kontakt, dass man sich im realen Leben ebenfalls kennt und trifft“, fasst Daniela (Berlin) zusammen.

„Im Inneren des Bekannten“ – Freunde werden

Sowohl im wirklichen als auch im virtuellen Leben können aus Bekannten natürlich Freunde werden. „Man kann in einem Bekannten einen Freund finden, denn der Bekannte ist die Außenhülle des Freundes; der Freund ist im Inneren des Bekannten“; sagt Jonas und ergänzt, dass, wenn man das voneinander kennenlernt, ein wichtiger Schritt in Richtung Freundschaft getan ist. 

Jetzt sind wir schon mal auf Facebook befreundet – und was machen wir daraus? Torsten hält es für durchaus möglich, Leute, mit denen man nur virtuell über Chat oder Ähnlichem Kontakt hat, als Freunde zu bezeichnen: „Auch im Internet kann sich Freundschaft bilden“. Er spricht jedoch davon, dass sich diese Freundschaft nur mit einem „Internet-Ich“ des anderen entwickelt. Für klassische Freundschaft bedarf es auch seiner Überzeugung nach, Kontakt in der wirklichen Welt.

Daniel sieht Facebook in dieser Beziehung ebenfalls als Chance: „Facebook-Freunde ersetzen keine leibhaftigen Freunde, aber ich habe unendlich mehr Möglichkeiten, neue, interessante Menschen kennenzulernen. Sollte über das Chatten eine positive Beziehung entstehen, greifen automatisch andere Kommunikationskanäle: Man beginnt miteinander zu telefonieren, um den anderen besser kennenzulernen und je nachdem, wie es läuft, möchte man sich irgendwann auch persönlich kennenlernen.“

Facebook wird also zur Pflege bestehender Freundschaften genutzt und kann die Möglichkeit bieten neue Menschen kennen zu lernen, die man dann ebenfalls als Freunde bezeichnet. Dafür ist in einem Großteil der Fälle der Kontakt in der realen Welt unerlässlich.

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt.“ Vielleicht ist es genau das, was eine Freundschaft ausmacht. Beim Gedanken an Freunde fällt einem zuerst der Refrain aus dem Lied ein, das 1930 von Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweiss in „Die Drei von der Tankstelle“ gesungen wurde. Egal in welchem Jahrhundert, auf welchem Kanal und wenn die Welt zusammenfällt.