Wer ist deine Facebook-Familie?

Mutter, Vater, Bruder, Schwester - in sozialen Netzwerken ist es möglich anzugeben, mit wem man verwandt ist. Dabei spielen die biologischen Verbindungen nicht unbedingt eine Rolle. Ändern soziale Netzwerke auch unsere Vorstellungen von Familie?

Von Christina Besenhard

Wer mit wem oder überhaupt liiert ist - das ist für viele Social-Network-Mitglieder eine der wichtigsten Infos. Seit dem Start von Facebook ist es möglich anzugeben, nicht nur ob, sondern auch an wen man vergeben ist. Liebesbeziehungen sind im sozialen Leben aber nicht das einzig Wichtige: Deshalb bietet Facebook zusätzlich die Möglichkeit kundzutun, wer zu den Verwandten zählt.

Virtuelle Wahlverwandtschaften

Im Mittelpunkt steht dabei mehr die gefühlte als die biologische Verbindung. Eine Beziehung wird nur angezeigt, wenn beide Seiten sie veröffentlichen. Möchte jemand seinen Bruder angegeben, dann muss dieser per Mausklick bestätigen, dass er tatsächlich der Bruder - im biologischen oder emotionalen Sinne - ist.

Trotz dieser Hürde sind Verwandtschaften auf Facebook nicht selten. Die beste Freundin wird zur Schwester oder gleich zur Ehefrau, der ältere Kumpel wird zum Vater, der Nachhilfe-Schützling wird zur Tochter. Den Wahlverwandtschaften sind keine Grenzen gesetzt.

Das Resultat sind neue Familienbeziehungen im Social Web, die möglicherweise nicht nur gefühlte Verbundenheit, sondern auch geänderte Einstellungen zur Familie allgemein widerspiegeln. Eine gefühlte Familie kann durchaus andere Menschen umfassen als die biologische.

Interviews zu Facebook-Familien

Wir wollten von Facebook-Mitgliedern wissen, wen sie im Netzwerk warum als ihre Verwandten angeben. In Interviews haben sie von ihren Facebook-Familien erzählt. Einige waren auch zu einem Videointerview bereit. Alle haben unterschiedliche Leute auf Facebook als Familienmitglieder aus ihrem Freundeskreis hervorgehoben, mal biologische Verwandte, mal Freunde oder Freundinnen, mal die Gastfamilie aus den USA.

Deutlich wird in den Interviews, dass der Facebook-Familie noch keine wesentlich größere Rolle zugeschrieben wird als dem Freundeskreis oder der biologischen Familie. Sie sind nicht die Personen, mit denen am meisten kommuniziert wird, und auch nicht die Familienmitglieder, denen die Befragten am nächsten stehen.

Interview mit Lena (18)

 Lena, 18

Andere Familientypen

Die Bedeutung der Auswahl wird relevanter, wenn andere Menschen als die biologischen Verwandten angegeben werden. Wenn eine Freundin als "Schwester" bezeichnet wird, dann ist sie in der Regel auch die beste Freundin, mit der am meisten Austausch stattfindet, der aber nicht zwingend über Facebook läuft.

Interview mit Elena (26)                                      Interview mit Hannah (24)

Elena, 26                          Hannah, 24

Fehlende Facebook-Funktionen

Statt "Schwester" oder "Bruder" würden einige Facebook-Mitglieder vielleicht auch "beste Freundin" oder "bester Freund" anklicken. Doch es gibt (noch) keine Funktion, um eine besondere Person öffentlich darzustellen. Es besteht bisher nur die Möglichkeit eine Liste mit dem Titel "beste Freunde" anzulegen, aber diese wird kaum genutzt.

Verweigerer

Natürlich gibt es auch Leute, die dagegen sind, ihre wahren oder gefühlten verwandtschaftlichen Verhältnisse bekanntzugeben. Als Gründe nennen sie Datenschutz und den Tatbestand, dass "meine Familie nicht bei Facebook ist". Letzteres kann sich jedoch schnell ändern.

Interview mit Arved (22)

Arved, 22

Veränderte Einstellungen?

Haben die interviewten Facebook-Mitglieder wirklich eine veränderte Einstellung zum Thema Familie? Niemand erzählte uns, dass seine Facebook-Familie exakt seine gefühlte Familie sei, dennoch scheint die Verbundenheit zumindest im Social Web biologische Grenzen zu sprengen.

Auf Facebook kommen schnell weit über 100 Freunde zusammen, mit denen der Kontakt unmöglich gleich intensiv sein kann. Daher ist es nicht verwunderlich, dass einige besonders wichtige Beziehungen herausgestellt und als Familienmitglieder charakterisiert werden, um zu zeigen, dass sie einem mehr bedeuten als die anderen.