Was ist "The Great Firewall"?

 „Feind des Internets“ – so nannte 2009 Reporter ohne Grenzen neben elf anderen Ländern wie Saudi Arabien, Cuba und Syrien auch China, wo diedigitale Medienwelt ebenso zensiert ist wie die analoge. Doch wie schaffen es die chinesische Behörden, unerwünschte Inhalte im Netzt für inländische Nutzer unzugänglich zu machen und wie gehen Nutzer damit um? Fragen und Antworten recherchiert von Ye Meng. 

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1. Was bedeutet „The Great Firewall“?

Generell bezeichnet „The Great Firewall“ Kontrollmechanismen des Internets, die im Auftrag der chinesischen Staatsregierung gesteuert werden.  Laut Wikipedia tauchte der Begriff zum ersten Mal im Jahr 2002 in einem englischsprachigen Artikel zur Internetzensur in China auf. So wie die Große Mauer vor zweitausend Jahren China von der Außenwelt abgrenzte, sind heute die Kontrollmechanismen der Großen Firewall dafür zuständig - jetzt jedoch digital.

Denn eine Firewall (englisch für Brandmauer) ist eine Software, die dazu dient, den Netzwerkzugriff zu beschränken. Der Datenverkehr, der durch sie hindurchläuft, wird überwacht. Bestimmte Netzwerkpakete werden durchgelassen, andere nicht. Auf diese Weise versucht der Staat die Nutzung bestimmter Netzwerke zu unterbinden.

 

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2. Was blockiert „The Great Firewall“?

Durch das komplexe Filter- und Blockadesystem werden sowohl inländische als auch ausländische Internetseiten aller Arten – Suchmaschinen, Blogs und soziale Netzwerke – zensiert beziehungsweise blockiert. Das weltgrößte soziale Netzwerk Facebook sowie der Mikroblog Twitter und das Videoblog Youtube sind in China zum Beispiel unter normalen Umständen komplett unzugänglich.

Für alle Internetseiten, die in China selbst registriert sind, gelten strenge Regelungen. Über bestimmte Themen und Ereignisse darf nicht berichtet beziehungsweise diskutiert werden. Diese sind meistens auch Verbotsthemen für Fernsehen und Printmedien. Wer sich als Anbieter nicht daran hält, läuft Gefahr, gesperrt zu werden, wenn er erwischt wird.

Bei inländischen sozialen Netzwerken werden unerwünschte Begriffe wie „Dalai Lama“ oder „Friedensnobelpreis“ automatisch gefiltert und können somit nicht ins Netz gestellt werden. Inländische Anbieter von sozialen Netzwerken und Webblogs bekommen regelmäßig von zuständigen Behörden aktualisierte Listen für unerwünschte Begriffe, eine Art Anleitung zur Selbstzensur.

 


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3. Wie anspruchsvoll ist "The Great Firewall" technisch?

Das chinesische Filter- und Blockadesystem für das Internet gehört zu den kompliziertesten aller Zeiten. Hinzu kommt,  dass das nicht transparente Agieren des Staates gegen die Internetfreiheit dazu beiträgt, dass die verwendeten technischen Methoden nur schwer durchschaubar sind. Bisher ist unter anderem bekannt, dass schon in den 90er-Jahren Aufträge zur Entwicklung der Internetkontrolle an staatliche Forschungsinstitute vergeben wurden. 

Zwei Hinweise zu weiteren Informationen auf Englisch:

Mit den technischen Methoden der Zensur befasst sich:

How Censorship Works in China: A Brief Overview. „Race to the Bottom“: Corporative Complicity in Chinese Internet Censorship. Human Rights Watch.www.hrw.org/reports/2006/china0806/3.htm

Eine empirische Studie über Methoden, Breite und Tiefe der chinesischen Internetzensur von 2002 dokumentiert 19.032 Seiten, die in China unzugänglich waren. Darunter fallen Themenbereiche wie Nachrichten, Politik sowie Unterhaltung:
Jonathan Zittrain, Bejamin Edelman: Empirical Analysis of Internet Filtering in China. Berkamn Center for Internet and Society. Harvard Law School. cyber.law.harvard.edu/filtering/china/

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4. Wie rechtfertigt der chinesische Staat die Zensur?

Komplett ohne rechtliche Grundlage läuft die Internetzensur in China nicht. Schon im Jahr 2000 wurde ein Gesetz vom Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses – de facto das Parlament der Volksrepublik – zum „Schutz der Internetsicherheit“ erlassen. Demnach ist under anderem beim Verbreiten von „umstürzlerischen“, „anti-sozialistischen“ sowie "der nationalen Einheit schadenden“ Informationen mit strafgesetzlichen Folgen zu rechnen.

Im Gegensatz zum Iran sind offizielle Aussagen vom chinesischen Staat zu diesen Fragen oft sehr vage und zum Teil widersprüchlich. Der damalige Sprecher des Außenamtes, Qin Gang, äußerte sich laut BBC zur Blockade des Videoportals „Youtube“ in China im März 2009 mit der Feststellung, dass chinesische Internetnutzer eine große Freiheit genößen und dass China nichts von der angesprochenen Blockade wisse.

Seine Nachfolgerin Jiang Yu beschrieb das chinesische Internet auf einer Pressekonferenz im Januar 2010 als "offen". Ihren Angaben nach behandelt die chinesische Regierung das Internet gemäß sowohl nationaler Gesetzen als auch internationaler Praxis. Ein Jahr später reagierte sie auf die Klage einiger amerikanischer Bürger in New York gegen die chinesische Suchmaschine Baidu und deren Selbstzensur mit der Äußerung, dass ausländische Gerichte kein Recht auf Einmischung in inländische Angelegenheiten wie den Umgang mit dem Internet hätten.

Links zu Berichten in diesem Text (zuletzt abgerufen am 20.08.2011)

Auf Chinesisch
BBC Chinese: news.bbc.co.uk/chinese/simp/hi/newsid_7960000/newsid_7961100/7961110.stm

Auf Englisch:
Embassy of The People's Republic of China in Barbardos: bb.chineseembassy.org/eng/fyrth/t651747.htm

nytimes.com: "China: Censorship Suit Filed Against Web Company":
www.nytimes.com/2011/05/20/world/asia/20briefs-China.html

Ministry of Foreign Affairs of the People's Republic of China: "Foreign Ministry Spokesperson Jiang Yu's Regular Press Conference on May 19, 2011": www.fmprc.gov.cn/eng/xwfw/s2510/t824104.htm

 

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5. Wie gehen chinesische Internetnutzer mit „The Great Firewall“ um?

Die meisten Nutzer begnügen sich mit chinesischen Anbietern, die ähnliche Leistungen wie die blockierten ausländischen Portale und Plattformen bieten. Anstelle von Facebook werden zum Beispiel chinesische soziale Netzwerke wie "Renren" genutzt.

In der Regel wird selten auf technische Methoden gegen die Blockade von ausländischen Seiten zurückgegriffen. Eine zuverlässige Studie zur Umgangsweise chinesischer Internetnutzer mit Zensurmechanismen gibt es bisher allerdings noch nicht. 

Für diejenigen, die die Grenze überschreiten möchten - sei es, um sich mehr politische Informationen zu verschaffen oder um an pornographische Inhalte zu kommen - stehen jedoch zahlreiche technische Mittel zur Verfügung. Eine gängige Methode ist, den eigenen Rechner durch ein Virtual Private Network erst mit einem Server im Ausland - zum Beispiel in den Vereinigten Staaten - zu verbinden und dann von dort aus auf in China blockierten Seiten zuzugreifen.