Per Umweg zur Öffentlichkeit

Durch das Blockadesystem „The Great Firewall“ ist die virtuelle Welt in China ebenso zensiert wie die reale. Doch der Wunsch nach öffentlichen Diskursen steigt weiter. So nutzte eine Gruppe junger Studierender Soziale Netzwerke als Plattform und gründete dort eine digitale Zeitschrift: „Nordlöffel“ – auf Chinesisch die Bezeichnung für das Sternbild „Großer Wagen“. 

Von Ye Meng 

„Der Nordlöffel“ - wörtlich übersetzt aus dem Chinesischen - bezeichnet die sieben hellsten Sterne des Sternbildes „Der große Bär“ und entspricht dem deutschen Begriff „Großer Wagen“. Seit Anbeginn der chinesischen Zivilisation wird das Sternbild wegen der Helligkeit als fixer Orientierungspunkt am Nachthimmel verehrt. „Wir, sowohl die Redakteure als auch die Autoren, sind alle auf der Suche nach einer Richtung für unser eigenes Leben", sagt der Gründer der digitalen Zeitschrift "Nordlöffel", "und vielleicht auch für die Zukunft unseres Landes. Und zwar dadurch, dass unsere Gedanken und Ideen in Form von Texten online erscheinen.“

Logo des chinesischen Social-Network-Portals Aus diesem Grund übernahmen Bo und seine Freunde vor etwa drei Jahren den Namen der sieben Sterne für ihre Online-Zeitschrift. Von Studenten betriebene Online-Zeitschriften gibt es auch in China viele. Doch kaum eine andere präsentierte ihr Debüt auf der Plattform eines sozialen Netzwerks. Die Gründer wollen über das Web 2.0 versuchen, eine Form der Teilöffentlichkeit zu schaffen, die zwar nicht über die Zensurgrenze hinwegkommt, aber in den chinesischen Mainstream-Medien kaum existieren könnte.

Begeistert vom "geistigen Feuerwerk"

Kurz nach dem tibetischen Aufstand im Jahr 2008 fiel es Bo und seinen Freunden auf, wie heftig solche politische Ereignisse von chinesischen Studenten diskutiert wurden. Sie seien von dem „geistigen Feuerwerk“ begeistert gewesen, das durch das Zusammenstoßen verschiedenster Meinungen in ihrer eigenen Generation entstand. Solche Diskussionen sind aber auf der Plattform von Mainstream-Medien meistens schlicht verboten.

Sie richteten bei dem sozialen Netzwerk  „renren“, das in China etwa die Rolle von Facebook spielt, einen neuen Account unter dem Namen „Nordlöffel“ ein und fingen an, dort Texte von chinesischen Studenten zu sammeln und zu veröffentlichen. Erst ein Dreivierteljahr später konnten sie sich eine selbstständige Webseite für die Zeitschrift leisten. Mittlerweile ist „Nordlöffel“ eine der größten studentischen Online-Zeitschriften Chinas geworden. Bis jetzt verfügt die junge Zeitschrift nach Angaben der Redaktion über 5000 Kontaktmöglichkeiten zu Autoren und Lesern.

Ersatzöffentlichkeit über soziale Netzwerke

„Geschätzt kommt sechzig Prozent der täglich von mir absorbierten Informationen von meiner Interaktionen  mit anderen Nutzer auf sozialen Netzwerken“, sagt Gu, einer der Stammautoren von „Nordlöffel“. Er ist, wie andere aus dem „Nordlöffel“-Kreis, ein sehr aktiver Social-Network-Nutzer. Doch trotz der bedeutenden Rolle der Netzwek als persönliche Informationsquelle für ihn, steuert er seiner Ansicht nach mehr Informationen und Meinungen selbst bei, als er sie von anderen Nutzern bezieht. Die Zahl der User, die seine Updates regelmäßig verfolgten, erklärt Gu, sei dreimal so hoch, wie die Anzahl derer, die er selber lese und verfolge.

„Das hat natürlich damit zu tun, dass ich für ‚Nordlöffel‘ schreibe“, sagt der Student. Angefangen habe das Ganze vor etwa einem halben Jahr, als ein Redakteur von „Nordlöffel“ durch Seiten von Freunde auf die Social-Network-Seite von Gu gestoßen sei und seine Artikel interessant fand. Daraufhin bekam die Redaktion die Genehmigung von Gu, ausgewählte Texte bei „Nordlöffel“ zu veröffentlichen. Seitdem schreibt er regelmäßig für „Nordlöffel“. Die Klickzahl seiner eigenen Seite ist in diesem Zeitraum von etwa 30.000 auf über 87.000 gestiegen. Anders als viele Stammautoren von „Nordlöffel“, die sich intensiv mit ungerechten politischen oder gesellschaftlichen Phänomenen beschäftigen, ist Gu hauptsächlich für Kulturkritiken der Zeitschrift zuständig.

Auf "Renren" gesperrt

„Wir haben uns damals entschieden, bei Renren anzufangen, weil wir politisch und finanziell möglichst unabhängig sein wollten“, so die Begründung von Gründer Bo für die selbstfinanzierte Website. Die Betreiber richteten die Website für ihre Zeitschrift erst ein, als das Renren-Account von der staatlichen Zensur gesperrt wurde. „Über den konkreten Anlass der Sperrung möchte ich jetzt nicht reden“, so Bo, „aber wir genießen bis heute noch besonders viel Aufmerksamkeit von der zuständigen Aufsichtsbehörde“.

Mit der Toleranzgrenze der Staatszensur gehen die studentischen Redakteure vorsichtig um. Trotzdem wurde die Zeitschrift seit der Gründung mehrmals gesperrt. Redakteure und Stammautoren der Online-Zeitschrift pflegen ihre persönlichen Social-Network-Seiten auch bewusst im Hinblick auf die Zeitschrift und versuchen, das virtuelle Umfeld nicht nur mit politischen Themen zu versorgen. Damit würden sie die Zeitschrift nur allzu leicht in Existenzgefahr bringen.

Ab und zu finden Leser auch kleine persönliche Liebesgeschichten auf den Seiten der Autoren. Als „Opinion Leader“, wie viele Leser sie sehen, nehmen sie sich allerdings nicht wahr. Sie wollen nur im Rahmen der Möglichkeiten eine Plattform anbieten, in der Gleichgesinnte ihre Gedanken platzieren können.

Eine Notlösung

Die Große Mauer in ChinaIn demokratischen Ländern bieten in erster Linie traditionelle Medien wie Rundfunk und Print den Raum für öffentliche Meinungsäußerung. Doch da, wo dieser Weg weitgehend versperrt ist, scheint das Web 2.0 ein Fluchtort für politisch-kritische Diskussionen zu sein. Denn im Vergleich zu traditionellen Medien  ist die virtuelle Welt von ihrer Natur aus schwieriger zu kontrollieren. Ob diese tatsächlich die frei zugängliche Öffentlichkeit als wesentlicher Bestandteil der Demokratie ersetzen kann, ist eine andere Frage.

Laut einer Studie der amerikanischen Internet-Marktforschungfirma comScore von 2009 nutzen 49 Prozent aller chinesischen Internetnutzer soziale Netzwerke. Durch „The Great Firewall“, das staatliche Kontrollsystem des Internets, sind allerdings die größten globalen Anbieter wie Facebook und Twitter in China blockiert. Das am meisten genutzte soziale Netzwerk in China, "Renren", lässt sich von Geschäftsidee und Funktionsweise her kaum von Facebook unterscheiden. Auch für Mikroblogs wie Twitter gibt es  inländische Varianten. Inzwischen stehen diese - ebenso wie alle Print- und Rundfunkmedien in China - auch unter Staatskontrolle.
Schutz vor Einflüssen aus dem Ausland:
die Große Mauer. Foto: Judith Seitz

Damit entsteht eine schwierige Situation durch die Trennung zweier Welten jeweils innerhalb und außerhalb der "Great Firewall". Manche Nutzer versuchen, durch technische Methoden auf blockierte ausländische Seiten zuzugreifen. Dies wird als „über die Mauer klettern“ bezeichnet. Andere bleiben innerhalb der Mauer und testen solange die Grenzen, bis es kracht. „Wenn wir ein Portal außerhalb der Mauer hätten, könnten wir natürlich alles schreiben, was wir wollen. Dafür werden wir aber einen großen Teil der Leser verlieren, weil sie sich den Umstand einfach nicht antun wollen, über die Mauer zu klettern", beschreibt Bo das Dilemma von „Nordlöffel“.

Im selben Boot: Han Han

Auch Han Han, der populärste Blogger in China, befindet sich in einer ähnlichen Situation. Er ist ein Vorbild für viele kritisch denkende Jugendliche und Studenten in der Volksrepublik. Als er vor zehn Jahren anfing, seinen Weg als Schriftsteller zu suchen, waren viele sehr skeptisch über das unkonventionelle Verhalten des Schülers.

Mittlerweile ist Han Han einer der erfolgreichsten Schriftsteller und Rennfahrer seiner Generation geworden. Sein Blog verfolgen über 590.000 Leser. Dort äußert er sich auch regelmäßig zu Aufständen in der muslimischen Welt, zu Korruption in China – genau so unkonventionell wie vor zehn Jahren. Doch 2010 durfte er seine Zeitschrift nach einer einzigen Auflage nicht mehr publizieren. Ihm wurde die Lizenz entzogen. Seine Leser finden ihn online - wie den "Nordlöffel".

Mehr zum Thema: Fragen und Antworten zu „The Great Firewall“.