Plötzlich wollte er alles über ihr Sexleben wissen

Sexuelle Belästigung im Internet - ein Kinderspiel? Mithilfe virtueller Identitäten erschleichen sich Täter das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen. Cybergrooming, so heißt die gezielte Anmache in Chats und Social Networks. Ein beunruhigendes Fallbeispiel. 

Von Kerstin Düring

„Und wie sieht's bei Dir aus? Was macht die Liebe, wie ist Dein Sexleben, wie geht's beruflich... Will alles wissen
:-D“ Immer wieder gleitet Lauras* Blick über die dreiste Frage in ihrem E-Mail-Postfach. „Laaange nix mehr gehört“, so der harmlose Betreff der E-Mail. Sie handelt von schönem Frühlingswetter, Gartenarbeit und – ihrem Sexleben. Laura ist fassungslos.

Den Verfasser der Nachricht hatte die heutige Studentin einige Jahre zuvor in einem sozialen Netzwerk kennengelernt: Werbefachmann, verheiratet, inzwischen auch stolzer Vater. 15 Jahre war sie alt, als sie begann, sich mit ihm über ihr gemeinsames Musikerhobby auszutauschen. Einmal erhielt sie seine selbst produzierte CD per Post ins Elternhaus, dann lag der Kontakt lange brach – bis er sie in einem Studentenportal im Internet wiederfand.

Wie sie denn momentan aussähe, wollte er wissen, auf dem Profilbild könne man ja so wenig erkennen. Würde sie ihm ein Foto an seine E-Mail-Adresse schicken, könne er ja mit einem Bild seines Sohnes antworten, schlug er mit einem „Augenzwinkern“ vor.

Sie schickte kein Bild, doch seitdem meldete sich der Mann gelegentlich per Kurznachricht bei ihr. Obwohl sie kaum mehr Persönliches von sich erzählte, erfuhr sie ungefragt Details über sein Privatleben. Die Taufe seines Sohnes war ebenso Thema seiner Mails wie die Wochenenden in Omas Garten oder der anstehende Familien-Kinobesuch. Er plauderte mit ihr wie mit einer alten Bekannten.

Einmal wollte er in Lauras Heimatstadt kommen, um sich ein Konzert anzuhören und lud sie zum Mitkommen ein, was sie ablehnte. Ihr Unbehagen wuchs. Als Flirt hatte sie den Kontakt zu keinem Zeitpunkt verstanden und seine Komplimente für ihr neues Profilbild schürten ihre Skepsis weiter.

Dann kam die oben zitierte Mail. Die Schamlosigkeit des Mannes verwirrt und schockiert Laura. Eine solche Wendung hatte sie nach all den Jahren nicht kommen sehen. Kurzentschlossen beendet sie die Internetfreundschaft, meldet den Vorfall den Betreibern des Netzwerks und schreibt eine abweisende letzte Mail an den Fremden.

Nur ein schlechter Scherz?

In der darauf folgenden Entschuldigungsmail wirkt der Vorfall ganz harmlos. Die Frage sollte „gar nicht so ernst gemeint“ sein, erklärt sich der wenig genierte Verfasser. Er habe sie eben „aus einer Laune aus dem Bauch heraus“ geschrieben. Dennoch akzeptiert er Lauras Entscheidung zum Kontaktabbruch mit einem Bedauern.

Für sie bleibt nun unklar, ob es sich tatsächlich nur um ein einmaliges „über die Stränge schlagen“ handelte. Ebenso gut könnte sie Opfer einer Masche geworden sein, mit der der Mann bei anderen Mädchen mehr Erfolg hat.

Ein letzter Blick auf sein Profil verrät ihr, dass sein Freundeskreis vor allem aus jungen Frauen und Mädchen besteht, noch dazu aus ganz verschiedenen Teilen Deutschlands. Ob er auch sie im Internet kennenlernte?

Traurige Realität: Cybergrooming

Es könnte sich um das sogenannte Cybergrooming handeln. „Grooming“, das ist der englische Begriff für „Pflege“. Potentielle Sexualstraftäter bemühen sich demnach intensiv um Freundschaften im Netz, meist mit Kindern und Jugendlichen.

Nicht selten geben die Täter sich vor den Kindern als Gleichaltrige aus und haben ein besonders offenes Ohr für ihre Sorgen und Probleme. Ist das Vertrauen da, kommt die Sexualität ins Spiel. Komplimente und ein starkes Interesse an Fotos und dem Äußeren der Kinder sind typische Merkmale. Häufig reicht den Tätern der virtuelle Kontakt jedoch nicht aus und sie planen ein reales Treffen.

Das Internet schafft leider eine optimale Umgebung für diese Art von sexueller Belästigung: Chats und soziale Netzwerke bieten sich als Plattform an, um virtuelle Identitäten zu entwickeln und aus der Anonymität heraus verborgene Fantasien auszuleben.

Das Risiko entdeckt zu werden ist dabei erschreckend niedrig. Um Cybergrooming im Internet einen Riegel vorzuschieben, wurde die Vorratsdatenspeicherung als ein mögliches Instrument diskutiert. Daten wie beispielsweise IP-Adressen von Chatteilnehmern mussten seit Verabschiedung des Gesetzes im Januar 2008 ohne konkretes Verdachtsmoment sechs Monate lang „auf Vorrat“ gespeichert werden.

Anfang März 2010 wurde das Gesetz jedoch vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eklärt. Für Ermittler von Internetkriminalität werden die Täter damit unauffindbar wie die berühmte Nadel im Heuhaufen.

Entsprechend weit ist die rechtspolitische Diskussion über dieses Thema von einem Konsens entfernt. Cybergrooming sei nach wie vor ein kriminelles „Schlupfloch“, gegen das wir klarere gesetzliche Regelungen bräuchten – so mahnte beispielsweise Beate Merk, die bayerische Staatsministerin für Justiz und Verbraucherschutz, vor einigen Monaten auf FAZ.net. Ende 2010 begründete sie ihre Forderung nach einer neuen gesetzlichen Regelung zur Vorratsdatenspeicherung: „Täter, die sich die Anonymität des Internets zunutze machen, können wir ohne Speicherungspflicht nicht ermitteln.“

Das Internet als Experimentierraum zwischen Fantasie und Realität

Der Hamburger Sexualforscher Andreas Hill sieht ein Risiko des Internets in der Senkung von Hemmschwellen. In seinem Beitrag Pornographie und sexuelle Gewalt im Internet im Bundesgesundheitsblatt 2007/1 vermutet er, das Internet expandiere den Zwischenraum zwischen privater Fantasie und realem Verhalten, zwischen Denken, Tun und Sein.

Es erlaube das sexuelle Experimentieren auch mit ungewöhnlichen, möglicherweise gefährlichen Fantasien aus der Sicherheit der Anonymität heraus. Gleichzeitig würden die Täter aus der Geborgenheit ihres eigenen Zuhauses heraus handeln, wodurch das Gefühl der Sicherheit abermals verstärkt wird.

Somit scheint das Internet greifbare Gefahren hinsichtlich sexueller Gewalt zu bergen. Denn sollte es tatsächlich eine Senkung von Hemmschwellen bewirken, kann man sich die Folgen unschwer ausmalen: Für potentielle Sexualstraftäter wird der Schritt zwischen "Denken" und "Tun", also zwischen gefährlicher Fantasie und tatsächlichem Handeln, im Internet weitaus kleiner als im realen Leben.

*Name von der Redaktion geändert

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