Wissenschaftliche Tagung „Fleisch essen. Das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis und die Bedeutung von Fleisch“, veranstaltet von der Group for Society and Animals Studies an der Universität Hamburg, 01.07.2011

Tagungsbericht1

von Marcel Sebastian, Group for Society and Animals Studies

Am 01.07.2011 fand in Hamburg die wissenschaftliche Tagung „Fleisch essen. Das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis und die Bedeutung von Fleisch“ mit etwa 130 TeilnehmerInnen in den Räumlichkeiten der Universität Hamburg statt. Die von der Group for Society and Animals Studies (GSA) organisierte Veranstaltung war die erste wissenschaftliche Tagung zum Mensch-Tier-Verhältnis mit soziologischem Schwerpunkt in Deutschland. Die GSA ist eine Forschungsgruppe zur Mensch-Tier-Beziehung am Institut für Soziologie der Universität Hamburg. Neben zahlreichen WissenschaftlerInnen waren auch viele Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen und der Presse sowie weitere Interessierte anwesend.


Bereits in der Begrüßung und Einführung in die Tagung durch Prof. Dr. Birgit Pfau-Effinger (Wissenschaftliche Koordinatorin der GSA) und Sonja Buschka (GSA) wurde die Relevanz der wissenschaftlichen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung deutlich. Um diese Forschung weiterzuentwickeln, bot das Tagungsprogramm eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven. Als Keynote-Speaker konnten Prof. Dr. Klaus Petrus (Universität Bern), Dr. Matthew Cole (Bristol), Dr. Kate Stewart (Universität Bristol), Dr. Karen Morgan (Universität Cardiff), Renate Brucker (Dortmund) und Melanie Bujok (Bochum) für die Tagung gewonnen werden. Darüber hinaus referierten zwei GSA-Mitglieder sowie neun weitere ReferentInnen, die über einen Call for Paper hinzukamen. So entstand ein abwechslungsreiches Programm von hoher wissenschaftlicher Qualität, das einerseits zentrale soziologische Aspekte und gesellschaftliche Probleme des Fleischkonsums aufzeigte, zum anderen aber auch verdeutlichte, dass es starke gemeinsame Bezüge gibt, so dass die Beiträge in ihrem Zusammenspiel Synergieeffekte erzeugen und zu einem erweiterten Verständnis führen konnten.


Im Folgenden möchte ich einige dieser gemeinsamen Bezüge noch einmal herausarbeiten1. Ein zentrales Thema waren die unterschiedlichen, gesellschaftlichen Normalisierungs- und Distanzierungsstrategien, die im Zusammenhang mit Fleisch und der Gewalt an Tieren angewandt werden. Klaus Petrus analysierte in seinem Beitrag anhand von Fleischwerbung aus der Schweiz die Ambivalenzen in der Darstellung von Tieren in der Werbung. So scheint sich eine neue Form der Repräsentation von Tieren zu entwickeln, in der diese gleichzeitig zwar als Akteure auftreten, jedoch später in tote Ware transformiert werden können, ohne die üblicherweise mit der Wahrnehmung als Akteur verbundene Solidarisierung oder Empathie auszulösen. Auch der Vortrag von Matthew Cole und Kate Stewart enthielt eine Analyse dazu, wie Regungen empathischer Identifikation mit Tieren gesellschaftlich geordnet und zuweilen unterdrückt werden. Anhand eines von ihnen entwickelten Schemas verdeutlichten Sie, wie dieselbe Tierart in unterschiedlichen sozialen Kontexten einen unterschiedlichen Stellenwert erhält und somit die Vergabe von Solidarität oder Mitleid das Resultat gesellschaftlicher Deutungs- und Behandlungsprozesse ist. Die Frage der Verdrängung wurde danach von Karen Morgan weiter vertieft, die über den „Wunsch, es nicht zu wissen“ referierte. Die unterschiedlichen Techniken, Strategien und Mechanismen, welche die Indifferenz gegenüber der Gewalt an Tieren ermöglichen, wurden vom GSA-Mitglied Marcel Sebastian in seinem Beitrag systematisiert und anhand eines Beispiels erklärt. Renate Brucker erläuterte, wie sich die Distanz zu Tieren beziehungsweise die Abwesenheit der Fleisch-Thematik auch in den Sozialwissenschaften selbst widerspiegelt, indem sie aufzeigte, wie die Mensch-Tier-Beziehung systematisch aus deren Fokus verdrängt wird. Dies beziehe sich auch auf die Biographien sozialistischer oder linker Intellektueller, in denen häufig das Engagement für Tiere oder Vegetarismus ausgeblendet werde.


Einen weiteren zentralen Aspekt stellten die institutionalisierte Gewalt an Tieren im Zuge der Fleischproduktion sowie der Schlachthof als Ort der organisierten und systematischen Tötung von Tieren dar. Melanie Bujok wies in ihrem Beitrag nach, dass die Gewaltsoziologie Tiere nicht als ihren Forschungsgegenstand behandelt, obwohl, so Bujok, die gängigen Gewaltdefinitionen eine Anwendung auf Tiere nicht nur ermöglichten, sondern geradezu forderten. Arianna Ferrari und Bettina-Johanna Krings referierten darüber, wie Tiere in vollautomatisierten Schlachthöfen als Subjekte verschwinden und im Zusammenhang mit neoliberaler Verwertung zu Produktionseinheiten werden. Wie stark unser heutiges Verständnis von Tieren, Natur und Fleischlichkeit von antiken, philosophischen Theorien beeinflusst ist, verdeutlichte Hendrik Wallat in seinem Beitrag über Platons Moralphysiologie.


Dass die Gewalt gegen Tiere jedoch kaum Gegenstand öffentlicher Debatten ist, wiesen Fabienne Erbacher und Anja Krückemeier nach, die in ihren Beiträgen über unterschiedliche, mediale Debatten referierten und nachwiesen, wie bestimmte Themenkomplexe systematisch aus den Diskursen ausgegrenzt werden. Hierzu gehören etwa Tiere als Subjekte, Tiere als Opfer von Gewalt oder Vegetarismus als Resultat einer Gewaltkritik. GSA-Mitglied Julia Gutjahr erörterte in diesem Zusammenhang, wie in der 'Männer- und Kochzeitschrift' BEEF offensiv neue Bilder von Männlichkeit durch Gewalt an Tieren und Fleischkonsum hergestellt werden. Carol Morris eröffnete durch ihren Beitrag einen weiteren Blick auf die Formen der öffentlichen Debatte über den Fleischkonsum. Sie disktuierte die verschiedenen Initiativen für 'fleischfreie Wochentage' und analysierte, welche unterschiedlichen Motivationen diesen Initiativen zu Grund liegen.


Wie das Thema der Gewalt so war auch das Thema der Ambivalenzen innerhalb der Mensch-Tier-Beziehung ein durchgängiges Thema der Vorträge. Besonders deutlich wurde dies in den Beiträgen zur Frage der Essbarkeit und Nichtessbarkeit von Tieren. Martin Seeliger sprach darüber, wie die gesellschaftliche Ordnung und deren kulturelle Repräsentationen die Distinktion von Menschen und Tieren und die damit einhergehenden Gewalthandlungen scheinbar legitimieren. Stefan Hnat verdeutlichte diese gesellschaftlich hergestellte Distinktion und Ambivalenz am Beispiel des unterschiedlichen Umgangs mit sogenannten „Schlachttieren“ und sogenannten „Haustieren“. Zur konkreten Anwendung brachte dies Marion Mangelsdorf durch eine ethnographische Perspektive auf die ambivalente Beziehung zwischen Menschen und Pferden welche auf der einen Seite als „Partner“ auf der anderen Seite als „Schlachtvieh“ behandelt werden.


Auf Grund der Breite des Programms war es folglich nicht verwunderlich, dass auch die Abschlussdiskussion sehr lebhaft und thematisch breit gefächert war. Einig waren sich jedoch alle darin, dass die soziologische Forschung und Diskussion zur Mensch-Tier-Beziehung erst am Anfang steht. Gegenstand der Debatte waren daher auch die Fragen, wie sich die deutschsprachigen Human-Animal-Studies weiter entwickeln sollen und wie das Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlich-methodischer Offenheit und politischer Positioniertheit ausbalanciert werden kann.


Die Tagung wurden umrahmt durch ein reichhaltiges veganes Buffet, einen Büchertisch sowie einer ca. 2x8 Meter großen Arbeit des Künstlers Hartmut Kiewert, welcher sich in seinen Werken auf die Mensch-Tier-Beziehung und hier insbesondere auf das Phänomen 'Fleisch' spezialisiert hat. In den Pausen entwickelten sich rasch angeregte Gespräche, und die TeilnehmerInnen konnten viele neue Kontakte knüpfen werden. Die OrganisatorInnen der Tagung waren mit dem Verlauf und den Ergebnissen der Tagung sehr zufrieden und kündigten an, dass im nächsten Jahr ein Sammelband mit den Tagungsbeiträgen erscheinen wird. Für die Entwicklung der Human-Animal-Studies in Deutschland war diese Tagung sicherlich förderlich und es bleibt mit Spannung zu erwarten, wie dieses junge wissenschaftliche Feld sich weiter entwickelt.

 

 

1  Dieser Bericht erscheint demnächst auf Englisch im Journal for Critical Animal Studies