Buch Gesellschaft und Tiere

Zusammenfassung des Buches:

Die Soziologie befasst sich nicht nur mit dem Zusammenleben der Menschen, mit ihrem Verhältnis zu den Dingen und ihrer räumlichen Umwelt, sondern auch mit der Beziehung der Menschen zur Natur. Vor dem Hintergrund ist es erstaunlich, dass das Verhältnis der Menschen zu den Tieren in der neueren deutschen Soziologie kaum thematisiert wird, während es bei den „Vätern“ der Soziologie wie Max Weber (1984: 33f.) und Theodor Geiger (1931) sowie in der Soziologie der Nachkriegszeit, insbesondere auch in theoretischen Arbeiten von Protagonisten der Frankfurter Schule wie Horkheimer und Adorno (2004) eine wichtige Rolle spielte. Dabei ist das Zusammenleben mit Tieren ein wichtiger Bestandteil des Alltagslebens der Menschen: In knapp 30% der deutschen Haushalte, also nahezu jedem dritten Haushalt, leben Hunde oder Katzen. Tiere übernehmen Arbeiten im Dienst der Menschen: So arbeiten etwa Hunde als Suchhunde für Drogen und als Blindenhunde, und Delphine werden für Therapiezwecke genutzt. Und immer mehr Menschen verbringen ihre Freizeit mit Pferden. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Beziehung der Menschen zu den Tieren erscheint dabei als zutiefst ambivalent: Der sozialen Konstruktion bestimmter Haustiere als Partner oder Familienmitglied steht die Konstruktion der Tiere als Ware gegenüber, die auf Märkten gehandelt wird und über deren Körper und Leben Menschen in der Verfolgung eigener Interessen verfügen.

Das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren und die darin eingelagerten Ambivalenzen sind bisher erst wenig erforscht. Die überschaubare Zahl wissenschaftlicher Beiträge zum Thema im deutschsprachigen Raum, die sich mit der Thematik befassen, stellt vorwiegend theoretische, wissenschaftshistorische und sozialphilosophische Fragen sowie historische Analysen in den Vordergrund (etwa Mütherich 2004, Wiedenmann 2002, 2008). Daneben entwickelt sich allmählich, zumindest in der US-amerikanischen Soziologie, auch ein Feld der empirischen Forschung zum Thema des Verhältnisses der Gesellschaft zu den Tieren. Dabei geht es aber eher um Fragen der sozialen Konstruktion des Verhältnisses von Gesellschaft und Tieren und weniger um die konkreten sozialen Beziehungen im Mensch-Tier-Verhältnis. Auch nimmt diese Forschung relativ wenig Bezug auf soziologische Theorien. In Deutschland liegen bisher überhaupt kaum empirische soziologische Analysen zum Mensch-Tier-Verhältnis in der Gegenwartsgesellschaft vor.

Der vorliegende Band soll einen Beitrag dazu leisten, die theoriegeleitete empirische Forschung zum Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren weiterzuentwickeln. Der Band ist insofern einzigartig, als er eher theoretisch angelegte Analysen und empirische Forschung miteinander verbindet. Die Beiträge zu dem Band wurden von Studierenden und Absolventen der Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Hamburg auf der Grundlage eines mehrjährigen Forschungsprozesses erarbeitet. Das Buch befasst sich theoretisch und auf der Grundlage empirischer Analysen mit der Frage danach, auf welche Art und Weise in den Gegenwartsgesellschaften die Trennungslinie zwischen Gesellschaft und Tier konstruiert wird, inwieweit es Erosionstendenzen gibt und welche Ambivalenzen damit verbunden sind. Diese Trennungslinie wird zum einen anhand neuerer Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung zum Mensch-Tier-Verhältnis mit der Fragestellung untersucht, inwieweit sich auf der Grundlage die Legitimation diese Trennungslinie und der damit verbundenen menschlichen Herrschaftsanspruch noch aufrechterhalten lässt. Weiter wird anhand der Einstellungen und Umgangsweisen von Menschen in ihrem Verhältnis zu Haustieren und Nutztieren analysiert, in welcher Weise sie dabei die Trennungslinie zwischen Menschen und Tieren ziehen, wie sie diese begründen und inwieweit das Verhältnis von Ambivalenzen geprägt ist. Auch geht der Band der Frage nach einer Erklärung dafür nach, dass die Soziologie das Mensch-Tier-Verhältnis und seine gewaltförmige Dimension in ihren Theorien und Analysen weitgehend ausblendet. Die Beiträge sind teilweise eher theoretisch, teilweise eher empirisch angelegt. Ein Teil der empirischen Beiträge hat einen explorativen Charakter. Der Band liefert damit Ansätze und Hypothesen für die Weiterentwicklung der empirischen Forschung in diesem relativ neuen Forschungsfeld auf der Grundlage weiterführender, repräsentative Studien.