2009 Academy of Management Annual Meeting - Welcome to the US
Dieses Jahr zu Gast in Chicago fand vom 7. bis 11. August die mittlerweile 69. Academy of Management (AOM) Konferenz statt - die weltgrößte Konferenz von Managementforschern, gegliedert in 28 Divisons (z.B. Public-and Non-Profit oder Technologie- und Innovationsmanagement) mit über 7.000 Teilnehmern.
Beste Gelegenheit also, sich durch Vorträge fortzubilden, seiner Forschungsausrichtung gewiss zu werden, ein paar wenige der großen Forscher "live" zu hören und natürlich auf den unzähligen Abendveranstaltungen, den Division-Receptions und den Business School Partys Gleichgesinnte kennen zu lernen. Wissenschaft ist eben nicht nur ein kognitiver, sondern auch ein sozialer Prozess.
Trotz hoher Transaktionskosten im telefonbuchdicken Konferenzguide die "spannenden" Sessions zu identifizieren und diese dann in den vier teilnehmenden Hotels zu finden (amerikanische Konferenzhotelschluchten erwecken innen wie außen ganz schnell den trostlosen Eindruck von Computerballerspielen) konnte ich bei dieser (meiner nun schon zweiten) AOM-Konferenz etlichen sehr guten Vorträgen beiwohnen und in zwei Sessions selbst vortragen. In einem Professional Development Workshop (PDW) ging es um Forschungsmethoden im Innovationsmanagement (Download). In der Session "Applying Open Innovation" um die Übertragbarkeit erfolgreicher Konzepte eines geöffneten Innovations- und Wertschöpfungsprozesses privatwirtschaftlicher Unternehmen auf öffentliche Einheiten (Download Paper).
Insgesamt nehme ich vorerst vor allem Folgendes mit nach Hause (und „twittere“ mir so mit der Niederschrift die 7 ½ Stunden Flugzeit der Heimreise erträglicher):
1) Openess matters! Auch im Jahr sechs nach Chesbroughs "Open Innovation" Buzzword verbringen viele Forscher weltweit erheblichen Aufwand zu ergründen, was "Offenheit" bedeutet und wo der Unterschied zur klassischen Innovationsforschung z.B. durch Netzwerke oder Allianzen liegt. Durch Internet-Technologien eröffnen sich gleichsam neue Möglichkeiten der Kollaboration (user-generated content, community building, social-networking, broadcast search, etc.), die vormals undenkbar gewesen wären und mich zeitgleich fragen lassen, was dies für die Public Management Forschung bedeutet. Ich werde in der nächsten Zeit intensiv nach guten Beispielen der „Adoption“, d.h. der „Openess“ im Public Sektor suchen und mein "blogging research“ weiter betreiben, denn es stellt sich die Frage:
2) How can citizens participate? Im privaten TIM argumentieren wir stets über den vergrößerten Hebel zur Identifikation von Lösungs- und Bedürfnisinformation durch die Anwendung von Open Innovation Methoden im Innovationsprozess (z.B. durch e-Toolkits, Web-Plattformen, Netnographie, Innovationswettbewerbe, etc.) (siehe dazu z.B. von Hippels „Democratising Innovation“). Können Verwaltungen bzw. das gesamte politisch-administrative System hiervon etwas lernen? Was bedeutet Kundenintegration bei Public Services? Wo wäre ein Crowdsourcing öffentlicher Aufgaben und Probleme denkbar (Citizensourcing)? Wie sähen neue Formen der Mitwirkung im demokratischen Prozess, jenseits von eGovernment und eDemocracy aus? Ich glaube hier lohnt es sich weiter nachzudenken, schließlich ist der öffentliche Raum doch per se "open" und lebt z.B. von Prinzipien der Mitbestimmung, der Transparenz, der Rechenschaftslegung oder dem Instrument der Ausschreibung. "Der Staat hat keine Hände" sagen seit jeher die Juristen und meinen damit, die Notwendigkeit mit Externen zusammenzuarbeiten (Aber warum soll diese Notwendigkeit nur beim Bau von Autobahnen gelten?).
3) Outsourcing, Crowdsourcing, Citizensourcing: Im Moment fehlt es mir jedenfalls noch an Struktur und Antworten auf all die oben genannten Fragen. Gleichzeitig sehe ich im Öffentlichen, wie im Privaten Sektor, viele Beispiele von anekdotischer Evidenz, dass die Integration von Wissen extern Beitragender zu erheblichen Performance Vorteilen (im weitesten Sinne) führen kann. So muss und kann auch Politik und Verwaltung „offener“ werden. Bei der derzeitigen Debatte (im Sommerloch 2009 bzw. in der Prä-Bundestagswahlkampfzeit in Deutschland), z.B. um den Einsatz externer Berater bei ureigenen Aufgaben in den Ministerien mitzuwirken (z.B. bei der Gesetzartikulation von Bad Bank Konzepten) sicher keine einfache Aufgabe, schließlich gehört zum öffentlichen Formalzielsystem auch Rechtsstaatlichkeit. Gleichsam belegt dies wieder einmal mehr, dass den deutschen Verwaltungen auf allen Ebenen systematisch (der Wille zur) Professionalität und Kompetenz verloren geht. (Und dabei erleben wir doch gerade eine Epoche, in der das Pendel zurück schlägt zu einem mächtigeren öffentlichen Sektor, Stichwort: „Restitution", „Rekomunalisierung“, „Neo-Etatismus“ oder „Verstaatlichung“ – wir brauchen also gute Public Manager!) Wer in diesem Kontext der Berater-Kritik bzgl. Steuerverschwendung übrigens mein AOM Paper liest, findet ein Beispiel aus Neuseeland beschrieben, in dem die Modernisierung des neuseeländischen Polizeigesetzes offen durch jedermann in einem Wiki zu verfolgen und mit zu gestalten ist. Vor allem wird durch solche Maßnahmen klar, wer, wann und an welchen Stellen im Artikulationsverfahren beteiligt war (insbesondere zur Erhöhung der Transparenz gegenüber den stets einwirkenden Lobbyisten-Gruppen). Wenn also schon Outsourcing, warum dann nicht gleich Citizensourcing? In diesem Sinne definiere ich:
“Citizensourcing is the act of taking a job traditionally performed by a designated public agent (usually a civil servant) and outsourcing it to an undefined, generally large group of people in the form of an open call.”
4) Democratizing Democracy: Aber lässt sich dieses Citizensourcing-Konzept der „Arbeitsteilung“ auch noch weiter denken, insbesondere zu einer Verbesserung des politischen Willensbildungs-, Entscheidungs- und Gestaltungsprozesses? Ich prophezeie (und das tut man als Wissenschaftler bekanntlich sehr ungern, muss aber manchmal in Form einer Hypothese sein!), dass wir in den westlichen Ländern in den nächsten Jahren einen erheblichen Demokratie- und Systemverdruss erleben werden, manifestiert durch abnehmende Wahlbeteiligung und induziert durch krisenhafte exogene Herausforderungen (Umwelt-, Energie-, Finanzkrisen, etc.). Es ist nicht verwunderlich, wenn sich die heute junge und so wichtige Generation der 20. bis 30. Jährigen völlig aus dem politischen Prozess zurückzieht und lieber twittert und Fotos in Facebook hochlädt. Aber auch kein Wunder: Wer Zeit seines Lebens mantrahaft hat vermittelt bekommen, dass es keine Alternative zu Markwirtschaft und Parteinstaat gibt und dies durch Wohlstandsentwicklung der Elterngeneration lebhaft bestätigt empfunden hat, ist nun mal nicht politisch, nicht skeptisch, nicht diskussionsbereit und hat vor allem eines: Angst. Angst mal wieder nach einem schlecht bezahltem Praktikum nicht übernommen zu werden oder seinen Job nicht über die Befristung hinaus verlängert zu bekommen. Die einzige Waffe, die ihm dann noch bleibt ist nicht das Wort, nicht das Engagement, nicht der Protest und auch nicht die Wahl, sondern nur der Fleiß! Und der Hamster im Laufrad ist bekanntlich alles andere als kreativ und offen für die Gestaltung der Welt jenseits des Käfigs. Die derzeit völlig fehlende Subkultur (von den Mac- und iPhone-Apologeten und Emos einmal abgesehen) ist auch ein Beleg dessen, für die politische Indifferenz bzw. die Flucht in den virtuellen Raum einer ganzen jungen Generation. Vielleicht muss der Staat sich neu erfinden und den Bürger in dieser neuen Welt abholen, wenn er sie wieder als mündige Mitgestalter begreifen möchte. Dies geht jedenfalls weit darüber hinaus auf einem Wahlschein zur Kommunalwahl von 60 Möglichen, fünf Kreuze aufs Papier zu machen. Ein schönes Paper von Lukensmeyer und Torres zur interaktiven Einbindung des Bürgers z.B. in das political agenda setting gibt hier einen guten Einblick (Download). Ähnlich empfindet es derzeit wohl auch die US Regierung, sinnstiftend vermittelt durch Obama, der seine Administration unter das Leitmotiv des „Open Government“ stellt. Dies beinhaltet genau jene Ansprüche an eine offene Regierung unter wesentlich stärkerer Einbeziehung des Bürgers und der konsequenten Nutzung der neuen IuK-Technologien. In diesem Sinne: "Let`s democratize administration, lets democratize democracy".
P.S.
Vielen Dank den Kollegen der TIM Group der RWTH Aachen für die gemeinsamen, sehr schönen und sinnstiftenden Tage auf der AOM und viel Glück dieser beeindruckenden Stadt Chicago, der drittgrößten der USA, bei der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2016. Außerdem ganz herzlichen Dank dem DAAD für die Unterstützung bei den Reisekosten!


