Technische Prävention von Low-Cost-Terrorismus

Nach den Terroranschlägen vom Elften September hat sich die Risikoperspektive deutlich erweitert. Die Sicherheitsforschung steht vor der Herausforderung, auch bislang nicht für möglich gehaltene Bedrohungsszenarien in Betracht zu ziehen. Liegen vielen derzeit entwickelten Sicherheitslösungen Anschlagsszenarien zugrunde, die von äußerst voraussetzungsvollen Angriffsmitteln und -methoden ausgehen, müssen stärker Terrorakte, ausgehend von kleineren Tätergruppen eingeplant werden, die nur geringe Ressourcen (an Geld, Sachverstand, Organisationsgrad, Zeit etc.) einsetzen.

Ziel unseres Forschungsvorhabens ist es, Szenarien eines Low-Cost-Terrorismus und entsprechende Empfehlungen für situative, technische Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. Das Forschungsvorhaben gliedert sich in drei Phasen:

a) Um erste Kenntnisse zu den für die Planung und Durchführung terroristischer Angriffe relevanten Kosten- und Nutzenparametern zu erlangen, wird im Verbund mit internationalen Terrorismusexperten eine Bestandsaufnahme westeuropäischer Low-Cost-Attentate und -versuche vorgenommen.

b) Im zweiten Schritt sollen im Rahmen eines Planspiels Organisations-, Planungs- und Entscheidungsfindungsprozesse terrormotivierter Gruppen rekonstruiert werden.

c) Im dritten Schritt werden die entwickelten Szenarien zusammen mit Sicherheitsexperten unter präventionsbezogenen Gesichtspunkten ausgewertet, um praktische Maßnahmen und Sicherheitslösungen weiterzuentwickeln.

Konzentriert sich die Terrorismusforschung bisher auf sozialpräventive Maßnahmen zur Prävention von Radikalisierungsprozessen, die sich an einer „Grand Strategy“ (Crenshaw) zur Terrorismusbekämpfung orientieren, existieren insbesondere im deutschsprachigen Raum kaum Konzepte für eine situative, technische Terrorprävention, die an Gelegenheitsstrukturen für die Planung und Durchführung terroristischer Attacken und den dem Täterhandeln zugrunde liegenden Kosten- und Nutzenkalkulationen ansetzten. Die Terrorismusforschung hinkt hier der Sicherheitstechnologieforschung weit hinterher. Letztere ist aber gerade auf Erkenntnisse über die Vorgehensweise von Tätergruppen, Mitteleinsatz und mögliche Angriffsziele angewiesen, um überhaupt geeignete technische Präventionsmaßnahmen entwickeln und für eine zielgenaue Beeinflussung der terroristischen Tatgelegenheitsstrukturen einsetzen zu können. Das Forschungsvorhaben soll die Datenbasis zur Schließung dieser Lücke erweitern. Dabei stützt es sich auf erste Ansätze für eine situative Terrorismusprävention, wie sie in der angloamerikanischen Kriminologie entwickelt wurden. Terroristen werden hierbei als rational Handelnde verstanden, deren Entscheidung für Anschlagsziele und -methoden von subjektiv veranschlagten Kosten- und Nutzenerwägungen im Kontext situativer Gegebenheiten bestimmt wird.

 

Projektzeitraum: 8/2010-7/2013
Drittmittel: Bundesministerium für Bildung und Forschung
Projektkoordinatorin: Dr. Daniela Klimke
Projektleitung: Dipl. Krim. Michael Fischer, M.Sc.
Bearbeitung: Dipl. Soz. Dipl. Krim. Robert Pelzer (IKS), Michael Fischer (ISIP), Dr. Sybille Reinke de Buitrago, M.A.
Studentische Mitarbeit: Katharina Schmidt, Manel Chaar, Martin Carrillo Aravena
Wissenschaftliche Expertisen und Beratung: Prof. Dr. Lorenz Böllinger, Prof. Dr. Dr. Fritz Sack, Prof. Dr. Sebastian Scheerer