Normenworkshop

Methoden-Workshop zu "Fallstricken in der Normenforschung", Universität Hamburg, 27. und 28. Oktober 2011

 

Organisation:

grafik linkJulia Frohneberg, MA
grafik linkHannes Hansen-Magnusson, MA
grafik linkMaren Hofius, MA

Bericht:

Am 27. und 28. Oktober veranstaltete das Team der Professur „Politikwissenschaft, insbesondere Global Governance“ einen zweitägigen Methoden-Workshop für junge Nachwuchswissenschaftler_innen aus der Normenforschung in den Internationalen Beziehungen (IB). Der Workshop sollte den Teilnehmenden den Raum bieten, neueste, für die IB geeignete methodologische Ansätze zu debattieren sowie sich über die jeweiligen Probleme bei der Datenakquise sowie der angewandten Methode zur Datenauswertung auszutauschen.

Die beiden Tage begannen jeweils mit einer ‚key note‘-Rede zweier ausgewiesener Methoden-Expertinnen in der Normenforschung. Antje Wiener, PhD AcSS, (Professur „Politikwissenschaft, insbesondere Global Governance“) gab am ersten Tag mit ihrem Vortrag grafik linkFrom Principle to Practice: A Practice Approach to Normativity Einsicht in die Vorteile eines praxistheoretischen Zugangs zur Normenforschung, welcher demnach auf dem Konzept der so-genannten „meaning-in-use“ aufbaut. Während dieser Ansatz bei den Teilnehmenden auf großes Interesse stieß, wurden durch den Vortrag von Holger Niemann und Henrik Schillinger (Universität Duisburg-Essen) gleichsam Lücken in der Anwendung dieses Konzepts von Vertretern des „consistent constructivism“ herausgearbeitet; insbesondere der Prozess der Objektivierung von Bedeutungszuschreibung werde nicht genügend sichtbar gemacht, so die Autoren. Ähnlich kritisch gegenüber konventionell-konstruktivistisch orientierten Arbeiten zeigten sich Katharina Glaab und Stephan Engelkamp (Westphälische Wilhelms-Universität Münster). Ausgehend von dem bahnbrechenden International Organization Artikel „International Norm Dynamics and Political Change“ von Martha Finnemore und Kathryn Sikkink aus dem Jahr 1998 zeigten die beiden anhand einer Derridaischen Dekonstruktion eindrucksvoll  die binäre Struktur der im Artikel verwendeten Normensprache. Gleichwohl verwiesen sie auf die Unausweichlichkeit der Dichotomisierung, um Sinnesdeutung von Normen zu (re)produzieren. Insbesondere Wissenschaftler_innen müssten demnach reflektierter ihre eigene Sprache wählen und die normativen Vorannahmen sichtbar machen.

Komplementär hierzu zeigte sich das Papier von Hannes Hansen-Magnusson (Universität Hamburg), da es sich insbesondere  für eine ‚offene‘ Forschung stark machte, welche den Weg der Datenakquise für andere zugänglich mache und die hermeneutische Wissensakquirierung samt der evtl. Verfolgung falscher Fährten gegenüber dem Leser darlege. Auf welche konkreten Probleme die Forscherin bzw. der Forscher während ihrer/seiner Feldforschung trifft, wurde anschaulich von Lisbeth Zimmer (HSFK, Frankfurt) beschrieben. Z.B. reiche die Kompetenz in der Zielsprache alleine nicht aus, um Hinweise auf wichtige Forschungsfragen vonseiten lokaler Interviewpartner_innen zu verstehen und ihnen noch während des Forschungsaufenthalts nachzugehen; vielmehr sei das Verständnis von nicht sichtbaren, kulturellen Praktiken entscheidend, um Hinweise Kontext-sensitiv zu deuten.

An die forschungspraktischen Fragen vom vorigen Abend anschließend wurde der zweite Tage mit einem Vortrag von Anna Leander, PhD, (Copenhagen Business School, Dänemark) über eine Skype-Zuschaltung (!) eingeleitet. Ihre Titel-Metapher „on Cookbooks and Unfinished Dictionaries“ unterstrich ihre Haltung, Methoden nicht nach einer Art Kochbuch mechanisch auf den Forschungsgegenstand anzuwenden, sondern die eigene Forschungsfrage auf den Kontext und Gegenstand methodisch flexibel anzupassen und wie ein unfertiges Lexikon mit neuem Wissen zu speisen bzw. zu überarbeiten. Dabei müssten die Forschenden ihre eigene Arbeit sowie wissenschaftlichen Hintergrund reflektieren, anstelle eine möglichst „wissenschaftliche“ Darstellung zu liefern. Vor dem Hintergrund  dieser Überlegungen folgten fünf weitere Vorstellungen von Dissertations- bzw. Projektarbeiten. Das Forschungsteam Reichel et al. (Universität Bremen) untersuchte z.B. den Wandel fundamentaler Governance-Normen anhand diskursiver Praktiken von Internationalen Organisationen (IO) sowie jenen Akteuren, die eine Außenperspektive auf die IO werfen. Carmen Wunderlich (HSFK, Frankfurt) beschäftigte sich in ihrer Arbeit ebenfalls mit ‚Außenseitern‘, jedoch mit so-genannten ‚rogue states‘; diese seien durch ihre Stigmatisierung bisher nicht als gleichwertige ‚norm entrepreneurs‘ von der „internationalen Gemeinschaft“ wahrgenommen worden, so dass es einer systematischen Aufarbeitung ihrer Handlungsmuster bedürfe. Die von ihr angewandte Qualitative Inhaltsanalyse fand sich ebenfalls in den Arbeiten von Dagmara Paciorek (Universität Hamburg) und Claudia Hippel (BGSSS, Bremen). Janine Reinhards (Universität Konstanz) Beitrag zu normativen Argumenten in EU Vertragsverhandlungen suchte hingegen, mittels quantitativer Methoden den Erfolg von bisher nur qualitativ erfasster Akteursreferenzen zu Norm- und Wertvorstellungen zu messen.

Die Diskussion der insgesamt 35 Teilnehmenden wurde als außerordentlich fruchtbar und erkenntnisreich wahrgenommen. Die primär konstruktivistisch geprägten Impulsbeiträge ermöglichten den Teilnehmenden eine gemeinsame Sprachebene, auf deren Basis sie die grundlegenden Prämissen des Konstruktivismus kritisch hinterfragen und durch Einbeziehung weitere Ansätze auf Ergänzungen untersuchen konnten. Ein weiterer Workshop des „Normennetzwerkes“ ist bereits für den Sommer 2012 geplant; Überlegungen zu einer anschließenden Publikation werden dann finalisiert.

Material

Programm grafik linkDownload

Keynote Lecture, Prof. Antje Wiener, PhD AcSS: grafik linkFrom Principle to Practice: A Practice Approach to Normativity