Bildungsstreik am Pferdestall

17. Jun. 2009 17:59
Von: dt

Mit Demonstrationen, Vorlesungs-Boykott und Universitäts-Besetzungen wollen Studierende, Schülerinnen und Schüler in dieser Woche (15.-19.6.) bundesweit auf die Missstände im deutschen Bildungssystem aufmerksam machen. Auch der Fachbereich Sozialwissenschaften („Pferdestall”) ist von dem „Bildungsstreik 2009” betroffen. Der Haupteingang des Gebäudes ist mit einer Installation aus Stühlen verstellt, die nicht nur den Zugang blockiert, sondern eine Botschaft vermitteln soll: „Selbst das Mobiliar wird angesichts der Bildungsbedingungen in die Flucht geschlagen” (Bildmitte).


Die Studierenden fordern bundesweit und studiengangübergreifend u.a. eine deutliche Veränderung bei den Bachelor- und Masterstudiengängen, die mit der Bologna-Reform eingeführt wurden, und eine Abschaffung der Studiengebühren. Zu wenig Zeit ließen die neuen Studiengänge den Studierenden, um sich vertiefend in die Fächer einzuarbeiten, so einer der Hauptkritikpunkte. Dagegen argumentiert die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Wintermantel: „Es ist schwer nachzuvollziehen, wie manche Studierende und Professoren derzeit die eigene Hochschulbildung schlechtreden".

Am Institut für Politikwissenschaft stellt man sich der Situation. Obwohl der reguläre Lehrbetrieb so gut wie nicht stattfindet, nutzen mehrere Lehrende und Studierende die Gelegenheit, um jenseits der regulären Seminarthemen ins Gespräch zu kommen - über Bologna und die Auswirkungen, über den Anspruch der politikwissenschaftlichen Studiengänge und ihre Perspektiven und nicht zuletzt über die Hamburger Hochschulpolitik. Einzelne Dozenten haben ihre Lehrveranstaltungen sogar in die Öffentlichkeit verlagert, zum Beispiel auf den Hamburger Rathausplatz, und signalisieren damit: Bildung geht alle Bürgerinnen und Bürger etwas an. Gleichzeitig führen die Diskussionen zwischen den Studierenden untereinander und den Lehrenden nicht zuletzt auch aus politikwissenschaftlicher Sicht zu interessanten Fragestellungen: Was ist „typisch links”? An welche Grenzen stößt die Demokratie? Welches ist das „beste Argument” und warum setzt es sich (trotzdem nicht) durch?

Der Ausnahmezustand am Fachbereich Sozialwissenschaften wird damit zu einem produktiven Moment der politischen und politikwissenschaftlichen Diskussion. Der reguläre Lehrbetrieb wird ab dem 22. Juni wieder aufgenommen werden.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Bernd Ackenhausen.