Statt eines Grußwortes - Prof. Dr. Weischenberg zum Journalistikstudium

Herr Weischenberg, warum sollte jemand, der Journalist werden möchte, Journalistik studieren?
Siegfried Weischenberg: „Niemand, der Journalist werden will, muss studieren. Journalismus ist ein freier Beruf, den jeder ergreifen kann – auch ohne Ausbildung. De facto ist ein abgeschlossenes Studium heute aber eine Voraussetzung für den Berufseinstieg, Bewerber ohne Examen haben schlechte Karten. Das Journalistikstudium hat darüber hinaus noch einige Vorteile. Die Studenten erlernen im weitesten Sinne auf Medien bezogene Kenntnisse wie Medienrecht, -ökonomie, -ethik sowie kommunikationswissenschaftliche Grundlagen über die Wirkungszusammenhänge von Medien. Außerdem erwerben sie die journalistische Kernkompetenz, Themen zu vermitteln. Und werden in die Lage versetzt, ihre Rolle als angehende Journalisten zu reflektieren und über die Folgen ihres Handelns nachzudenken, was ich für sehr wichtig halte. Idealerweise integriert ein Journalistikstudium all diese Kompetenzen, klassische Volontariate oder Journalistenschulen leisten das nicht.“
Viele Chefredakteure sagen aber doch: Studiert irgendetwas – aber bloß nicht Journalistik!
Siegfried Weischenberg: „Eine wissenschaftsfeindliche und nicht besonders intelligente Haltung, die zurzeit leider eine gewisse Renaissance erlebt. Dahinter steht die Vorstellung, Journalismus sei reine Begabungssache. Das ist Unsinn: Journalismus ist ein anspruchsvolles Handwerk, das weit über die Fähigkeit hinausgeht, unfallfrei Nachrichten zu formulieren. Zweifellos gibt es einige wenige Ausnahmetalente, die ohne klassische Ausbildung tolle Reportagen schreiben können, so wie es bestimmt Genies geben mag, die, ohne je Medizin studiert zu haben, einen Blinddarm entfernen könnten. Woraus aber niemand die Konsequenz zieht, das Medizinstudium sei überflüssig. Eine vernünftige Ausbildung für Journalisten ist zudem im Interesse der Allgemeinheit: Sie dient der Qualitätssicherung einer Branche mit einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion.“
Welche Eigenschaften sind unverzichtbar für junge Journalisten, die diese gesellschaftliche Aufgabe erfüllen sollen?
Siegfried Weischenberg: „Besonders wichtig sind Neugier, Wachheit, Allgemeinbildung und Sprachgefühl. Journalisten brauchen Biss, ein Gespür für Themen, Interesse an der Welt im Allgemeinen und der Medienwelt im Besonderen. Der Beruf verlangt nach wie vor besonderen Einsatz und Hartnäckigkeit, man muss zuweilen schmerzhafte Wege gehen, muss sich überwinden und durchsetzen – wer nicht wirklich für den Journalismus brennt, sollte es lassen.“
Interview: Jens Bergmann. Ausschnitt aus: Bernhard Pörksen (Hrsg.): Trendbuch Journalismus. Erfolgreiche Medienmacher über Ausbildung, Berufseinstieg und die Zukunft der Branche. Köln 2005.


