Journalismus und PR - Konferenz-Dokumentationen erschienen
04. Jul. 2011 17:02
In allen Mediensparten verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Journalismus und PR. Diese Entwicklung lässt sich mit aktuellen Forschungsergebnissen und Fallbeispielen aus der journalistischen Praxis belegen, stellen der Rudolf-Augstein-Lehrstuhl und die Journalistenorganisation netzwerk recherche e.V. (nr) fest. Der Einfluss der PR manifestiere sich beispielsweise in der heimlichen Ausstrahlung von Audio-PR-Beiträgen im Radio, in der Verwendung von TV-PR im privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der gezielten Instrumentalisierung von Social-Media-Plattformen im Internet oder der von PR-Agenturen gesteuerten Platzierung von Themen in der Berichterstattung von Zeitungen und Zeitschriften. Zu diesem Ergebnis kommt die Werkstatt „Getrennte Welten - Journalismus und PR in Deutschland“, die soeben als eine von zwei Tagungsdokumentationen erschienen ist.
Die vom Rudolf-Augstein-Lehrstuhl für Praxis des Qualitätsjournalimus zusätzlich zur netzwerk-recherche-Werkstatt vorgelegte Publikation enthält weitere Texte, u.a. die Keynote von Bernd Ziesemer, ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts und heute Geschäftsführer von Hoffmann und Campe Corporate Publishing. Ziesemer forderte in seiner Rede: „Was wir brauchen, ist eine kritischere Debatte über die Grauzonen der PR-Industrie. Die seriösen PR-Gesellschaften in Deutschland haben sich schon vor langer Zeit einen Kodex gegeben, der die übelsten Missstände verhindern soll. Meiner Meinung nach ist jedoch eine Überarbeitung und Verschärfung dieser Richtlinien überfällig. Zugleich müssen aber auch die Redaktionen ihre Hausaufgaben machen – und ihrerseits Regeln des ethischen Umgangs definieren.“ Die Augstein-Publikation enthält zudem mehrere Artikel wissenschaftlicher Autoren.
Die nr-Werkstatt (PDF-Datei, 152 S., 2.397 KB) und die Tagungsdokumentation (PDF-Datei, 100 S., 2.100 KB) dokumentieren die wesentlichen Ergebnisse einer Fachkonferenz, die im Februar 2011 als Kooperationsveranstaltung zwischen der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg (Prof. Dr. Volker Lilienthal) und netzwerk recherche stattgefunden hat. Zum anderen bündelt die Werkstatt weitere Texte, die die Grauzonen zwischen beiden Professionen ausleuchten und das Wirken der Akteure untersuchen. Die insgesamt zwanzig Texte bieten eine umfassende Bestandsaufnahme der wechselseitigen Abhängigkeiten und heiklen Kooperationen; sie dokumentieren Fehlentwicklungen und Grenzverletzungen.
- Die Werkstatt-Autoren zeigen beispielsweise, dass PR-Profis kritische Journalisten ausbremsen, die öffentliche Meinung über verdeckte Maßnahmen beeinflussen oder Fakten durch die Veröffentlichung von pseudowissenschaftlichen Studien vernebeln. Am Beispiel der Atom-Industrie schildern mehrere Journalisten ihre Erfahrungen mit Kommunikationsstrategen und Lobbyisten. Die Fernsehautorin Gesine Enwaldt berichtet beispielsweise, wie ihre Dreharbeiten für die TV-Dokumentation „Die Atomlüge"“ (NDR 2010, 45 Min.) behindert wurden. Der Leipziger Reporter Christian Fuchs rekonstruiert die Enttarnung einer angeblichen Bürgerinitiative, die - finanziert von der Atom-Lobby - jahrelang für die Kernkraft warb. Prof. Dr. Thomas Leif analysiert in seinem Beitrag „den bislang geheim gehaltenen DNA-Code der Energie-Lobby“ am Beispiel des Strategiepapiers „Kommunikationskonzept Kernenergie - Strategie, Argumente und Maßnahmen“, das die Unternehmensberatung PRGS verfasste. Und Prof. Dr. Volker Lilienthal kritisiert, dass die PR-Branche „schädliche Neigungen hin zur Illusion, zur Täuschung der Öffentlichkeit“ zeige.
- Die nr-Werkstatt widerlegt zudem die These, Corporate Publishing sei Journalismus. Hinter dem Anglizismus steckt jene Publizistik, die im Auftrag von Unternehmen oder Verbänden Kunden- und Mitarbeitermagazine produziert. So mancher PR-Redakteur reklamiert für sich, er betreibe Journalismus, denn die handwerklichen Anforderungen im Corporate Publishing seien ja typisch journalistisch - bei der Recherche, beim Texten oder beim Blattmachen. Aktuelle Ergebnisse der Forschung, die sich auch aus einer unter der Leitung von Dennis Reineck entstandenen Studie von Studierenden des Hamburger Master-Studiengangs JKW ergeben, belegen jedoch, welch starken Einfluss die Auftraggeber auf die Inhalte ihrer Publikationen nehmen. Über die Frage „Wie viel Journalismus steckt im Corporate Publishing?“ diskutieren in einem Streitgespräch Jan Spielhagen, Chefredakteur von „DB mobil“ und „VW Magazin“ bei Gruner+Jahr Corporate Editors, sowie Thomas Schuler, freier Journalist und Buchautor.
- Auch in der Ausbildung des journalistischen Nachwuchses gilt die eherne Trennung zwischen Journalismus und PR vielerorts nicht mehr. Zahlreiche Journalistik-Studierende müssen in ihren Seminaren PR-Konzepte erstellen, Volontäre absolvieren Stationen in Pressestellen, Fachhochschulen kreieren immer neue Kombinationsangebote. Über diesen Trend und die damit verbundenen Probleme diskutiert eine in der nr-Werkstatt dokumentierte Runde von renommierten Ausbildern. In einer Reportage schildert ferner die Hamburger Master-Absolventin Isabelle Buckow am Beispiel der „VÖB-Medientage“ des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands, wie die Aus- und Fortbildung der Nachwuchsjournalisten von Pressesprechern und Lobbyisten verantwortet wird.
- Die nr-Werkstatt integriert Texte aus wissenschaftlicher Perspektive und Erfahrungsberichte von Praktikern. „Sie sammelt Argumente und dokumentiert Kontroversen für eine fundierte Debatte über die Gefahren, die mit der zunehmenden Vermischung von Journalismus und PR verbunden sind“, sagt Thomas Schnedler, Mitglied im Vorstand von netzwerk recherche und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rudolf-Augstein-Lehrstuhl in Hamburg. Prof. Dr. Thomas Leif resümiert: „Festhalten kann man schon heute: Vier Worte haben in den vergangenen Jahren wertvolle und produktive Diskussionen angestoßen. Vier Worte werden diese Animationsfunktion wohl auch noch in den kommenden Jahren erfüllen: Journalisten machen keine PR.“


