Ökonomische und soziologische Überlegungen zur Krise der globalen Wirtschaft

 

 

 

Tagungsbericht der

Zukunftswerkstatt- Macht des Handelns

Ökonomische und soziologische Überlegungen zur Krise der globalen Wirtschaft

04. Juli 2009, 10.00 - 18.00 Uhr

 

Bericht als PDF

Download Flyer und Plakat

Was kann sich die sozialökonomische Forschung als ökonomische, soziologische, regionale, bildungspolitische und allgemein politische Alternativen zum augenblicklichen Krisenszenarium vorstellen, v.a. welche positiven, konstruktiven Aspekte resultieren daraus? Angesichts der globalen Wirtschaftskrise diskutierten einschlägig ausgewiesene Experten mit Mitgliedern der derzeit fünf Forschungsfelder des ZÖSS zu den Fragen und Konsequenzen, die sich aus der internationalen Wirtschaftskrise ergeben könnten.

Dabei ging es nicht um die heute vielfach zu lesenden Krisenanalysen und das modisch-feuilletonistische Klagen über das ´Elend der Welt`, sondern im Sinne einer `Zukunftswerkstatt´ vor allem um eine fächerübergreifende Auseinandersetzung mit Handlungsoptionen, -möglichkeiten und -perspektiven. Im Kern galt es zu diskutieren, was heute von der Sozialökonomie für das Handeln in der Krise und aus ihr heraus zu sagen ist, und welche Chancen sich für die Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaften sowie ganz besonders für die Forschung ergeben. Transparent sollte dabei die interdisziplinäre Forschungsintention aus wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive werden, die mit diesem Workshop die Dimensionen der aktuellen Transformationsprozesse als Gefahren und Chancen für eine emanzipatorische Macht des Handelns für und durch die Teilnehmer erörtern sollte.

In Anschluss an die Forschungsfelder des Instituts wurden mögliche Perspektiven eröffnet für

die Fragen nach dem ‚Wer’ der Krise, wobei es weniger um diejenigen geht, die die Krise zu verantworten haben, als viel mehr um diejenigen, die von ihr betroffen sind, die ihre Folgen tragen müssen. Die Verschärfung existenzieller Sorgen und Nöte durch die Krise gilt es ernst zu nehmen. Es bedarf der Diskussion und Entwicklung von Konzepten der Handlungsbefähigung Betroffener, etwa in punkto bildungspolitischer Voraussetzungen. Soziologische Überlegungen zur/in der Krise müssen die Perspektiven eines ´eingreifenden Denkens sowie Wissens´ reflektieren und der Frage, nach der Befähigung und Macht zum Handeln, speziell in Zeiten der Krise, einen besonderen Platz einräumen. (Forschungsfeld 5: Bildung und Weiterbildung im Lebenszusammenhang),

die daran anschließenden Fragen nach den sozialen Verhältnissen und ihren Entwicklungen in der Krise; sie sind gekennzeichnet durch die ganze Bandbreite der Prekarisierungsproblematik; insbesondere zu diskutieren sind die verschiedenen Arbeitssituationen in den verschiedenen Teilen dieser Welt und, in lokaler Perspektive, die Bedeutung von Mitbestimmung und Teilhabe (Forschungsfeld 2: Transformation und Teilhabe),

die Fragen nach dem ‚Wo’ der Krise, nach der sozialräumlichen Verortung und Zeitlichkeit der Krise sowohl ‚gobal’, regional und lokal allgemein, als auch ganz konkret in der Metropolregion Hamburg. Von essentieller Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Frage nach dem `Sozialstaatsmoment`, gerade angesichts der marktradikalen Globalisierung vor der `eigenen Tür`. Ausgangspunkt der Studien ist der regionale Kontext der Metropolregion Hamburg (Forschungsfeld 3: Sozialplattform Metropolregion Hamburg),

die Fragen nach den ökonomischen Bedingungen, Voraussetzungen und Erscheinungsformen der Krise, wobei der Ökonomie doch eine herausragende Rolle angesichts von Marktversagen und periodischen Krisenverläufen gebührt; hierzu gehören die Kritik an aktuellen Ansätzen bzw. wirtschaftspolitischen Interventionen zur Stabilisierung der Märkte sowie Überlegungen zu alternativem Handeln; zu reflektieren wäre hier auch das Potential und die Reichweite nationaler und transnationaler Steuerung (Forschungsfeld 4: Economics),

ohne aus den vorangegangenen Forschungsfragen am Ende eine vereinfachende Schlussfolgerung im Sinne eines Krisenmanagements oder einer Krisenrezeptur zu ziehen, sind doch die politiksoziologischen Fragen nach einer demokratischen Politik in der Krise zu stellen, die ganz offensichtlich nicht am `Ende` ist, und zwar weder ihre etablierten noch die alternativen Varianten, wie sich bis vor kurzem so mancher `Globalisierungs´befürworter erhofft haben mag. Im Lichte der aktuellen Krise sollen und müssen demokratische Kategorien wie Partizipation, Teilhabe und Teilnahme, im Hinblick auf ihre sozioökonomischen Voraussetzungen, in der Perspektive eines demokratischen Gemeinwesens reformuliert werden (Forschungsfeld 1: Demokratie).

 

Referenten/ Keynote

Von den Vertretern der einzelnen Forschungsfelder eingeladen, referierten unsere Gäste aus der scientific community zu dem Rahmenthema entsprechend ihrer einschlägig ausgewiesenen Profession heraus:

 

Prof. Dr. Peter Faulstich (Universität Hamburg, FB Erziehungswissenschaften)

Keynote: Bildet die Krise?

Wieder einmal wird die Weiterbildung mit Ansprüchen überlastet: Die Devise "Qualifizieren statt entlassen!" wird neu aufgelegt. Der Kombination von Kurzarbeit und Kompetenzentwicklung wird eine Brückenfunktion zugewiesen, um den Abbruch der Arbeitsplätze zu überspannen. Dabei ist die andere Seite des reißenden Stroms noch gar nicht sichtbar. Selbst der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft titelt zum Arbeitsmarkt: Der große Unbekannte. Deshalb scheint es angebracht, grundsätzlicher zu werden: Statt kurzfristiger Reparaturversuche, steht - überraschend und unvorbereitet die Frage der Wirtschaftdemokratie und der Rolle der Bildung dabei auf der Tagesordnung.

Responsion/Moderation: Prof. Dr. Harry Friebel; ZÖSS- Forschungsfeld 5: Hamburger Biografie- und Lebenslaufpanel (HBLP)

 

Dipl. Geograph Andreas Obersteg (Hafen City Universität Hamburg- HCU)

Keynote: Sozialplattform und Metropolregion Hamburg,

Hamburg und seine Metropolregion sind durch sozioökonomische und territoriale Disparitäten gekennzeichnet, die sich im Zuge des demographischen und wirtschaftlichen Strukturwandels noch verstärken werden. Institutionen und Aktivitäten, die sich dieser Problemstellung annehmen, setzen jedoch häufig auf kleinräumiger Ebene an. Die Sozialplattform Metropolregion Hamburg will dieses Defizit aufgreifen und durch eine großräumige Zusammenarbeit zusätzliche Lösungsansätze zur gesellschaftlichen Kohäsion generieren.

Responsion/Moderation: Prof. Dr. Lars Lambrecht, Marlene Dettmann (M.A.); ZÖSS- Forschungsfeld 3: Sozialplattform Metropolregion Hamburg

 

Prof. Dr. Hildegard M. Nickel (Humboldt-Universität Berlin)

Keynote: Plädoyer zur Re-Politisierung von Arbeit und Geschlecht

Die politische Ökonomie der Unsicherheit und der Subjektivierung von Erwerbsarbeit führt zu neuen Formen und Ambivalenzen von betrieblicher/marktlicher Beherrschung und individueller Selbstbeherrschung des Arbeitsvermögens. Auf diesem Hintergrund verändern und verstärken sich soziale Ungleichheiten im Sinne von hierarchisch strukturierten Sozialbeziehungen wie auch von horizontalen Fragmentierungen. Arbeit ist ihrem Inhalt, ihren Formen und ihrer Gestaltung nach als ein politisches Feld zu betrachten, das von widersprüchlichen Interessen, unterschiedlichen Werten und Bedürfnissen sowie diesbezüglichen Auseinandersetzungen und Kontroversen strukturiert wird. Das zeigt sich besonders dann, wenn Arbeit und Geschlecht aufeinander bezogen werden.

Responsion/Moderation: Prof. Dr. Stefanie Ernst, Dipl. Sozialökonomin Doris Cornils, Melanie Frerichs (MA); ZÖSS- Forschungsfeld 2: Transformation und Teilhabe

 

Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup (Fachhochschule Gelsenkirchen)

Keynote: Die Ursachen der Finanzmarktkrise in Deutschland

Die entscheidenden Ursachen der sich zu einer weltweiten Wirtschaftskrise ausgeweiteten Finanzmarktkrise werden bis heute so gut wie gar nicht diskutiert. Der Vortrag beschäftigt sich daher mit den Ursachen der Finanzmarktkrise speziell bezogen auf Deutschland.

Responsion/Moderation: Prof. Dr. Harald Mattfeldt, Dipl. Sozialökonom Christian Hartz; ZÖSS-Forschungsfeld 4: Economics Profitratenanalysegruppe

 

Prof. Dr. Hans-J. Bieling (Philipps Universität Marburg/ Universität Hamburg)

Keynote: ´Postdemokratie´ in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise – Chancen zur Erneuerung der ´sozialen Demokratie´?

Der britische Soziologe Colin Crouch hat sehr nachdrücklich dargelegt, dass sich die westlichen Gesellschaften in die Richtung einer ´Postdemokratie´ bewegen. In der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise stellt sich nun die Frage, ob dieser Trend weiter verstärkt oder aber korrigiert wird. Der Vortrag will sich vor einer vorläufigen Antwort auf diese Frage nicht drücken. Vor allem aber sollen einige konzeptuelle Überlegungen zu den Bedingungen und prozeduralen Erfordernissen progressiver Politik angestellt werden.

Responsion/ Moderation: Prof. Dr. Werner Goldschmidt, Dipl. Sozialökonom Claas Christophersen ZÖSS-Forschungsfeld 1: Demokratie

 

Zusammenfassung und Ausblick

Was kann bei einem so dichten Programm dieser ‚Zukunftswerkstatt’ als Resümee und bei einem derart reichhaltigen Überblick über die differenzierten Forschungsfelder des ZÖSS als gewissermaßen ‚roter Faden’ resümiert werden? Bei allen Beiträgen der eingeladenen Gäste und ihrer Responsoren lassen sich dabei drei Aspekte herauskristallisieren:

(1) ‚Ideologie’kritik/Kritik der ‚modischen’/zeitgeistigen Semantik zur Befähigung selbstständigen und eingreifenden Denkens und Handelns

(2) Rekurs auf sog. alte Konzepte – explizit nicht als ‚Rezept’ verstanden – zum ‚Ausstieg´/zur ´Befreiung´ aus der Krise

(3) ‚Partizipation’

Ad 1: Den Auftakt machte das Referat von Peter Faulstich, der sich vor allem gegen die gewöhnlichen Herrschaftstechniken verwahrte, sich die Begrifflichkeiten und Terminologien emanzipativer Bildungskonzepte für systemerhaltende oder sogar restaurative Technologien aus den Händen nehmen zu lassen: „Passgenaue Qualifizierung jeglicher Bildung gibt es nicht“, war eine seiner Thesen, was sogleich einen qualifizierbaren Anspruch an das Handlungsparadigma erhob. In dieser Hinsicht aber kritisierten auch alle anderen Beiträge jeweils spezifische Erscheinungen ihrer gesellschaftspolitischen Forschungen.

Ad 2: Anhand des wirtschaftsdemokratischen Modells eines Viktor Agartz, einer sozialstaatlichen Konzeption Wolfgang Abendroths, einer Repolitisierung der Arbeit, der Forderung nach einer Erneuerung von ‚sozialer Demokratie’ und gerade auch in Hinsicht auf die EU-Metropolregionen u.ä. wurden die Fragen nach einem – jeweils äußerst differenziert zu beurteilenden – ‚rethinking’ derartiger ggf. ‚unabgegoltener’ Entwürfe aus dem 20. Jahrhundert aufgeworfen (Faulstich, Obersteg, Nickel, Bontrup, Bieling).

Ad 3: Wie ein ‚Aufschrei der Ohnmächtigen’ (Adorno) erschien das Plädoyer für die Notwendigkeit des ‚Sich-Einmischens’ bzw. des an anderen Theoriemodellen orientierten Postulats der ‚Macht des Handelns’ als Selbstständigkeit bzw. ‚Denken ohne Geländers’ (H. Arendt). Zu fragen wäre, ob sich aus derartigen Plädoyers für eine theoretische Handlungsmaxime auch deren praktische Relevanz abzeichnen und ableiten ließe.

Sämtliche Responsor(inn)en des ZÖSS (Friebel, Lambrecht/Dettmann, Ernst/Neppypa/Cornils, Mattfeldt/Hartz und Goldschmidt/Christophersen) konnten in ihren Beiträgen und Responsionen auf die externen ‚Begutachter’ fachkompetent eingehen und darauf verweisen, dass auch hinsichtlich dieser drei Workshop’ergebnisse’ die zur Diskussion gestellten eigenen Forschungen wirkliche Relevanz – auch in internationaler Hinsicht – zukommt.

Mit dem fachübergreifenden Austausch von Überlegungen zu Ansatzmöglichkeiten bzw. Strategien in der Wirtschaftskrise gelang dem ZÖSS eine erste Annäherung der beiden Mainstreamdisziplinen Ökonomie und Soziologie. Damit ist ein anfänglicher Schritt in Richtung der vom Institut angestrebten, konstruktiven Zusammenarbeit der beiden Disziplinen erreicht, womit den Gesichtpunkten wissenschaftlicher Pluralität und sozialwissenschaftlicher Kritik Rechnung getragen werden soll. Eine Fortsetzung des Dialogs wäre im Hinblick auf die Etablierung und Profilierung eines eigenständigen Bereichs sozialökonomischer Forschungen am Institut wünschenswert.

Das breitgefächerte professionelle Spektrum der Teilnehmer und ihrer Aktivitäten im Bereich der Sozialökonomie trug in dem gut besuchten Workshop zu einer lebendigen und kontroversen Diskussion bei. Die gemeinsame Stimme für ein ´rethinking´ auf emanzipative Handlungsoptionen, die in realistische Konzeptionen überführbar sein müssen, ist bereits ein Gewinn in Zeiten drohender Resignation und Hoffnungslosigkeit.

Die grundsätzliche Frage nach der `Macht` im Sinne von Befähigung zum emanzipativen Handeln in der Krise und aus ihr heraus bleibt weiter zu vertiefen. Dabei sollte das Interesse über die gegebenen sozioökonomischen Strukturbedingungen hinaus reichen, hin zu einer Rückbesinnung auf das ´genuin Politische´ (H. Arendt). Das Ziel wäre dabei nicht, ein normatives Modell als impliziten Maßstab zum Zwecke pauschaler Kritik an gegenwärtigen Verhältnissen zu verwenden, sondern den Politikbegriff in seiner Funktion als Handlungsmaxime und als variables Element der Realität heutiger Gesellschaften zu betrachten, das gleichsam erlaubt, Deutungen, Handlungsorientierungen, Praktiken und institutionelle Strukturen zu identifizieren mit dem Nutzen, alternative Konzeptionen zu entwickeln.

                            

Hamburg, den 22.07.2009                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

 

Semra Dogan

(Öffentlichkeitsreferentin am ZÖSS)