Buchvorstellung

Rubrik: Veranstaltung

Domenico Losurdo: "Nietzsche, der aristokratische Rebell"


Montag, 22.6. Hamburg, 18 Uhr, Uni Hamburg, Fachbereich Sozialökonomie (ehemals HWP), Von-Melle-Park 9, Raum S 30, 20146 Hamburg, Moderator: Prof. Dr. Lars Lambrecht

Hier ist ein Buch, das endlich die falsche Polari­sierung der Nietzsche-Forschung durchbricht. Losurdos Lesart widerspricht der vorherrschenden Rezeption, indem er Nietzsche als einen in erster Linie politischen Philosophen vorführt.
Domenico Losurdo entwickelt entlang der Formel des »radikalen Aristokratismus« einen Leitfaden zur detaillierten Recherche durch Friedrich Nietzsches Werk, Leben und Umfeld. Am Ende der Analyse sämtlicher Bücher, Briefe und Traktate steht ein neues Nietzsche-Bild: der Philosoph, eingewoben in die Diskurse seiner Zeit, als Verfechter einer aristokratischen Reaktion, als Kämpfer gegen Demokratie, Sozialismus und Gleichheitsbestrebungen.
Losurdos Untersuchung durchbricht eine unfruchtbare Frontstellung, die die Nietzsche-Forschung beherrscht: auf der einen Seite eine »Hermeneutik der Unschuld«, die die brutalsten Stellungnahmen des Philosophen als kunstvolle, tiefsinnige Metaphern verstehen will, auf der anderen Seite ein von Lukács geprägtes Paradigma, das Nietzsche dem »Irrationalismus« zuordnet und als unmittelbaren geistigen Vorläufer des NS-Staats behandelt. Der Bann einer solchen Entgegensetzung wird mithilfe einer komparativen Analyse ideologischer Prozesse gebrochen. Indem Losurdo die Philosophie Nietzsches im historischen Kontext des späten 19. Jahrhunderts untersucht, wird ein ideologisches Geflecht sichtbar, das Nietzsche als Teil einer gesamteuropäischen Bewegung zur Abwehr und Überwindung der Französischen Revolution und des von ihr eingeleiteten Revolutionszyklus zeigt.

Autor: Domenico Losurdo, *1941, italienischer Publizist und Professor für Philosophie an der Universität Urbino, ist Präsident der Internationalen Gesellschaft für dialektisches Denken sowie (mit Hans Heinz Holz) Herausgeber der philosophischen Halbjahresschrift Topos (Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie). Von Losurdos zahlreichen Büchern sind auf Deutsch u.a. erschienen: Die Gemeinschaft, der Tod, das Abendland -- Heidegger und die Kriegsideologie; Demokratie oder Bonapartismus -- Triumph und Niedergang des allgemeinen Wahlrechts; Hegel und die Freiheit der Modernen; Kampf um die Geschichte -- Der historische Revisionismus und seine Mythen.

Deutsche Pressestimmen zur italienischen Ausgabe:

»Wer riskiert hierzulande schon eine minutiöse Analyse des Gesamtwerks Nietzsches? Aus Italien kommt der massiv-gelehrte Einspruch, auf den wir gewartet haben. Ein neues Nietzsche-Bild, hart an den Quellen: Domenico Losurdo liest den Philosophen auf detaillierte Weise konsequent politisch. Es gibt nicht viele Bücher über Nietzsche, aus denen man so viel lernen kann wie aus diesem. Losurdo hat der europäischen Nietzsche-Gemeinde einen massigen Stein in den Vorgarten geworfen. Es wird vergnüglich sein zu sehen, wie man sich an ihm zu schaffen macht.« Kurt Flasch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

»Domenico Losurdo ist einer der profiliertesten Linksintellek­tuellen Italiens. Meines Wissens gibt es in diesem Bereich nichts, was nach Umfang und Anspruch auch nur entfernt mit diesem Buch vergleichbar wäre. Innerhalb der Nietzsche-Literatur ist es in der Nähe des Standardwerks von Charles Andler und der großen Biographie von Carl Paul Janz anzusiedeln.« Ernst Nolte im Jahrbuch für Extremismus und Demokratie

»Eine Stärke liegt in der Differenziertheit, mit der die Perioden des nietzscheschen Denkens unterschieden werden. Das über tausend Seiten starke Buch ist nicht nur die umfangreichste, sondern auch die gründlichste Untersuchung zu den Verbindungen zwischen Nietzsches Philosophie und Politik.« Jan Rehmann in der Jungen Welt

 

Zum Buch:
Domenico Losurdo: Nietzsche, der aristokratische Rebell
Intellektuelle Biographie und kritische Bilanz
2 Bände, zusammen 1104 Seiten, gebunden, 14,5 x 22 cm, 98 Euro; ISBN 978-3-88619-338-7 javascript:Pick