Kritische (Wirtschafts)Wissenschaft: Dynamisch und Erfolg versprechend?

Zur Colloquiumsreihe

Die Eduard-Heimann-Colloquiumsreihe will an den Ökonomen Eduard Heimann erinnern, der ab 1925 einen Lehrstuhl für theoretische und praktische Sozialökonomie an der Universität Hamburg innehatte, bevor er 1933 von den Nationalsozialisten aus der Universität verdrängt und zur Emigration in die USA gezwungen wurde, wo er an der berühmten ‚University in Exile’ an der New School of Social Research forschte und lehrte.

Eduard Heimanns wissenschaftliche Arbeiten zur Sozialtheorie des Kapitalismus verbinden eine ökonomische Analyse des Kapitalismus mit soziologischen Bestimmungen der sozialen Bewegung, die die Sozialisierung des Kapitalismus mittels Sozialpolitik vorantreibt. Eine solche soziale Theorie des Kapitalismus muss geschichtlich vermittelt sein, denn die soziale Bewegung wirkt im jeweiligen historischen Kontext; sie ist aber gleichermaßen theoretisch, denn sie bezieht sich auf geschichtsunabhängige sozioökonomische Zusammenhänge. Eine solchermaßen fundierte Sozialökonomie, die ökonomische Vorgänge nicht ohne soziale Rückkopplungen bearbeiten kann, kann auch heute noch der Arbeit des Zentrums für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS), dem Veranstalter der Colloquiumsreihe,  als Vorbild und Orientierungspunkt dienen.

Zur Thematik

Die Weltfinanzkrise der Jahre 2009-2010 hat nicht nur die Instabilit?t von kapitalistischen Marktwirtschaften offenbart, ein vollst?ndiger Zusammenbruch der internationalen Finanzm?rkte und eine noch tiefere Krise der Realwirtschaften konnte nur durch beherztes Eingreifen von Regierungen und Zentralbanken verhindert werden, das so gar nicht durch die wirtschaftspolitischen Empfehlungen der herrschenden Ökonomie-Mainstreams gedeckt waren. Die Wirtschaftskrise ist deshalb auch eine Krise der Mainstream-Ökonomik, die sich nicht nur als unf?hig erwiesen hat, eine Entwicklung diesen Ausma?es zu antizipieren, sondern mit ihrer Reduktion ökonomischer Unsicherheit auf versicherbare Risiken zur Intabilit?t selbst beigetragen hat.

Es könnte also die Stunde der kritischen (Wirtschafts)Wissenschaft gekommen sein, wenn überzeugende Alternativangebote zu den fest in den Köpfen der meisten Ökonomen und den Curricula der meisten Studieng?nge verankerten Mainstream-Modelle vorhanden w?ren. Im Eduard-Heimann-Colloquium sollen deshalb verschiedene Ans?tze heterodoxer, kritischer Ökonomik vorgestellt und auch nach deren Zukunft als Grundlage von Wissenschaft und Ausbildung und den Karrierechancen junger Wissenschaftler gefragt werden, die sich der kritischen Wissenschaft zuwenden wollen.

Freitag, 28.10.2011, 16 Uhr, Raum S8:

Prof. Michael Krätke (University of Lancaster): Kritische (Wirtschafts)Wissenschaften in der heutigen Universitätslandschaft – Deutschland und Großbritannien im Vergleich

In Großbritannien ist ein nicht unerheblicher Teil der Universitätsfinanzierung an eine Forschungsevaluierung gebunden, die die Mainstreamisierung der Wirtschaftswissenschaft vorantreibt. Obwohl es derartige Anreizstrukturen in Deutschland (noch) nicht gibt, ist es auch in Deutschland schlecht um die Pluralität in der Wirtschaftswissenschaft bestellt. Welche Konsequenzen lassen sich aus einem Vergleich beider Länder für die Zukunft der kritischen  Wirtschaftswissenschaft ziehen?

Donnerstag, 17.11.2011, 18 Uhr, Raum A 215:

Dr. Katrin Hirte (Universität Linz):. Performativit?t – ein neues Konzept zur Analyse des Einflusses der Ökonomen?

Spätestens seit der Finanzkrise wird auch der Einfluss der Ökonomen auf die ökonomischen Entwicklungen neu diskutiert, da Ökonomen unübersehbar mit der Kreierung bestimmter Finanzmarktinstrumente die Krise mitverursacht haben. Im geplanten Vortrag wird das im Zuge dieser Diskussion entwickelte Analysekonzept "Performativity" vorgestellt sowie dessen Tragfähigkeit und Grenzen hinterfragt.

Donnerstag, 8.12.2011, 18 Uhr, Raum A215:

Prof. Hansjörg Herr (HWR Berlin): Marktkonstellationen und Politikregime – ein postkeynesianischer Ansatz

Es gibt unterschiedliche Kapitalismusvarianten, welche der postkeynesiansiche Ansatz mit dem Konzept der Marktkonstellation einzufangen versucht. Die Marktkonstellation der 1950er und 1960er Jahre, die letztlich auf den New Deal der 1930er Jahre zurückging, ist in den 1970er Jahren zerbrochen. Entstanden ist ein marktfundamentales finanzgetriebenes Kapitalismusmodell, welches in der Subprime-Krise seine bisher größte Instabilität erlebt hat. Wie sind die verschiedenen Marktkonstellationen charakterisiert? Ist die marktfundamentale Konstellation, die sich ab den 1970er Jahren entwickelte, am Ende? Welche grundsätzlichen Alternativen gibt es?  

Donnerstag, 12.01.2012, 18 Uhr:

Prof. Joachim Becker (WU Wien): Die Regulationstheorie – ein marxistisches Modell  in modernem Gewand?

Die Regulationstheorie hat neue konzeptionelle Ansätze zur Analyse konkreter historischer Entwicklungen des Kapitalismus erarbeitet. Dies ermöglicht ihr ein originelles analytisches Herangehen an die Entstehung der aktuellen globalen Krise und die oft eher vorgeblichen Anti-Krisen-Politiken.

Donnerstag, 26.01.2012, 18 Uhr, Raum A 215:

Prof. Andrea Grisold (WU Wien): Feministische Ökonomik als heterodoxes Paradigma

Feministische Ökonomik kritisiert nicht nur die vielfältige Benachteiligung der Frauen in der ökonomischen Praxis, sondern zeigt auch die „blinden Flecken“ traditioneller Methoden, besonders des orthodoxen Kanons, auf. Ziel ist es einerseits, ökonomische Theorie so zu konstruieren, dass sie die tatsächlichen Lebensrealitäten von Frauen und Männern umfasst, und andererseits die Situation von Frauen in der Ökonomie zu verbessern.

Donnerstag, 09.02.2012, 18 Uhr, Raum S 7:

Prof. Birgit Mahnkopf (HWR Berlin): Herausforderungen an eine kritische Ökonomik aus Sicht der internationalen Umweltökonomie

Der herrschenden Wirtschaftswissenschaft gilt ökonomisches Wachstum als unverzichtbar. Wachstum ist das Hauptziel staatlicher Wirtschaftspolitik und jedes Unternehmens. Ökonomisches Wachstum geht aber zugleich einher mit der Nutzung von agrarischen und mineralischen Rohstoffen, welche definitiv endlich sind. Zugleich bedingt ökonomisches Wachstum irreversible Schäden der Bio- und Ökosphäre, die geeignet sind, das Leben der Menschen dramatisch zu verändern. Daher werden heute Zweifel an diesem Paradigma laut. Mancher Zeitgenosse hofft auf ein „Grünes Wachstum“ (neudeutsch: einen „New Green Deal“), welches es uns ermöglichen soll, im Vertrauen auf den technischen Fortschritt, ökonomische, ökologische und soziale Ansprüche zu versöhnen. Doch ist dies überhaupt möglich? Oder besteht die Herausforderung der Zeit eher darin, eine „gute Gesellschaft“ jenseits des Wachstumszwangs zu ermöglichen?

 

Die Colloquiumsreihe wird veranstaltet in Kooperation mit: