Nach der Krise – Folgen für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik

Zur Colloquiumsreihe

Die Eduard-Heimann-Colloquiumsreihe will an den Ökonomen Eduard Heimann erinnern, der ab 1925 einen Lehrstuhl für theoretische und praktische Sozialökonomie an der Universität Hamburg innehatte, bevor er 1933 von den Nationalsozialisten aus der Universität verdrängt und zur Emigration in die USA gezwungen wurde, wo er an der berühmten ‚University in Exile’ an der New School of Social Research forschte und lehrte.

Eduard Heimanns wissenschaftliche Arbeiten zur Sozialtheorie des Kapitalismus verbinden eine ökonomische Analyse des Kapitalismus mit soziologischen Bestimmungen der sozialen Bewegung, die die Sozialisierung des Kapitalismus mittels Sozialpolitik vorantreibt. Eine solche soziale Theorie des Kapitalismus muss geschichtlich vermittelt sein, denn die soziale Bewegung wirkt im jeweiligen historischen Kontext; sie ist aber gleichermaßen theoretisch, denn sie bezieht sich auf geschichtsunabhängige sozioökonomische Zusammenhänge. Eine solchermaßen fundierte Sozialökonomie, die ökonomische Vorgänge nicht ohne soziale Rückkopplungen bearbeiten kann, kann auch heute noch der Arbeit des Zentrums für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS), dem Veranstalter der Colloquiumsreihe,  als Vorbild und Orientierungspunkt dienen. 

Zur Thematik

Die jüngste globale Finanzmarktkrise erschüttert die Idee der effizienten Märkte und scheint eine fundamentale Systemkrise des bestehenden Kapitalismus widerzuspiegeln. Sie zwang die Politik zum handeln und die Wissenschaft, über Alternativen zu den bestehenden Wirtschafts- und Sozialmodellen nachzudenken. Tatsächlich scheint eine Neuausrichtung zwischen Staat und Ökonomie nicht abwegig zu sein: Forderungen nach mehr Regulierung und nach einer Rückbesinnung auf die reale Wirtschaft mit nachhaltigem Wachstum und Beschäftigung sind vermehrt vernehmbar.

Steigende Zuversicht und ein leichter Aufschwung in Deutschland scheinen auf auf ein baldiges Ende der Krise hinzudeuten. Aber was sind die Folgen für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik? Sind die richtigen Konsequenzen aus der Krise gezogen worden, um einen neuerlichen Kollaps der internationalen Finanzmärkte zu vermeiden? Wie wird mit den Staatsschulden, die zur Abfederung der Krise aufgebaut wurden, umgegangen? Welche Konsequenzen zieht die Wirtschaftswissenschaft aus dem Versagen ihres Mainstream-Modells? Das Kolloquium geht diesen Fragen nach und stellt ein Forum für den Ideenaustausch über die Folgen der Krise dar. Sie geht sowohl auf nationale und globale Aspekte als auch auf die Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis ein.

 

ALLE VERANSTALTUNGEN FINDEN JEWEILS MITTWOCHS VON 18.00 – 20.00 UHR IN DER UNIVERSITÄT HAMBURG, IM FB SOZIALÖKONOMIE (EHEM. HWP), VON-MELLE-PARK 9, IM HÖRSAAL BZW. IM RAUM S7 STATT.

 

 

Download: Plakat und Flyer zur Colloquiumsreihe!

 

 

03.11.2010 (Hörsaal):

Prof. Elmar Altvater (FU Berlin): Regulierung der internationalen Finanzmärkte – aus der Krise gelernt?

Aus der Krise haben weder die Banker noch die Politiker etwas gelernt. Sie verfolgen weiterhin ihre kurzfristigen/ kurzsichtigen Interessen. Daher ist die nächste Finanzkrise sehr wahrscheinlich. Dann aber wird die Rettung der Finanzinstitute sehr schwer sein, weil die Staaten das Pulver der Billionenhilfen bereits verschossen haben und vor der Pleite stehen oder eine Geldentwertung mit sozialen und politischen Konflikten in Kauf nehmen. Der Krise der Finanzen und der Wirtschaft folgt die soziale und politische Krise.

 

17.11.2010 (S7):

Prof. Mechthild Schrooten (HS Bremen, Memo-Gruppe): Wirtschaftspolitik der Bundesregierung – richtige Antworten auf die Krise?

Die aktuellen gesamtwirtschaftliche Zuwachsraten lassen den Eindruck entstehen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise in Deutschland überwunden ist.  Die Wirtschaftspolitik knüpft inzwischen wieder an den Kurs der Vorkrisenära an: hohe Exportüberschüsse, Liberalisierung und eine weiter fortgesetzte Umverteilung von "unten nach oben". Dabei werden Optionen für eine nachhaltige Entwicklung ausgeblendet.

 

01.12.2010 (Hörsaal):

Prof. Bob Jessop (University of Lancaster): Finanzkapitalismus – was bleibt vom Wohlfahrtsstaat?

In den letzten Jahrzehnten bildete sich vermehrt eine neue Form des Staates heraus, vom Keynesianischen Wohlfahrtsstaat zum Schumpeterianischen Wettbewerbsstaat. Einher mit dieser Entwicklung geht eine Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Ökonomie, nach der der Markt zum regulierenden Prinzip des Staates wird. Auch der Wohlfahrtsstaat wird dem Primat der Finanzmarktkapitalismus untergeordnet, indem er weniger als Ausgleich der Marktkräfte dient sondern diese vermehrt unterstützt.

 

15.12.2010 (S7):

Prof. Brigitte Young (Uni Münster): Antworten aus der feministischen Ökonomie auf die globale Wirtschafts- und Finanzkrise

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2008 wurde heftig darüber diskutiert, ob die Lehman-Sisters die Krise der Lehman-Brothers hätten verhindern können. Die Finanzkrise als männliches Verhalten zu analysieren (z.B., übertriebenes Selbstvertrauen von Investoren, hohe Risikobereitschaft, fehlende Moral) greift zu kurz. Auffällig ist jedoch der ausgesprochen niedrige Anteil von Frauen in den Spitzenpositionen von Finanzinstitutionen (Financial Governance Without Women). Jedoch, so die These, der erhöhte Frauenanteil in Steuerungsprozessen ist zwar notwendig, aber keine hinreichende Lösung, wenn der weibliche Anteil nicht gleichzeitig mit alternativen Konzepten des Finanzwesens einhergeht, die den sozialen Bedürfnissen der Teilhaber (stakeholder) Rechnung tragen und nicht nur der Gewinnmaximierung der Akteure (shareholder).

 

12.01. 2011 (S7):

Prof. Klaus Busch (U Osnabrück): Entwicklung des europäischen Governance-Systems nach der Krise

Die strukturellen Defizite der Europäischen Wirtschaftsund Währungsunion traten durch die Krise besonders deutlich hervor. Klaus Busch analysiert Europäische Maßnahmen zur langfristigen Stabilisierung der Eurozone und stellt Lösungen zur Über windung der ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der EU vor. Im Vordergrund steht hierbei die Einführung einer  Europäischen Wirtschaftsregierung, um Fälle wie die in Griechenland eingetretene Überschuldung grundsätzlich zu verhindern.

 

26.01. 2011 (S7):

Prof. Jürgen Kromphardt (TU Berlin, Keynes-Gesellschaft): Die Wirtschaftswissenschaft nach der Krise – auf dem Wege zu einer pluralen Disziplin?

Die Finanzkrise hat den unter Ökonomen weit verbreiteten Glauben an die Effizienz der Märkte erschüttert. Zur Bekämpfung der darauf folgenden Wirtschaftskrise haben die Regierenden weltweit (vorher verpönte) antizyklische, „keynesianische“ Maßnahmen ergriffen. Wird das den „Mainstream“ der Ökonomie nachhaltig verändern?

 

09.02. 2011 (S7):

Prof. Walter Ötsch (U Linz): Wirtschaftskrise, Krise der Mainstream-Ökonomik – Chance für die Sozialökonomie?

Die Mainstream-Ökonomie ist von einem Begriff von „dem Markt“ geprägt, der wie ein eigenständiger Akteur über allen anderen steht; die Hauptvarianten stammen von Hayek und von Arrow und Debreu. Ein solcher Begriff ist prinzipiell nicht operationalisierbar und für Ideologie gut geeignet, er hat auch in Populärvarianten Eingang in viele soziale Diskurse gefunden. Eine Kritik seiner Alltags-Dimension eröffnet den Blick auf eine Gesellschaft, die ihr soziales Verständnis anhand von medial vermittelten Kategorien entwickelt, - eine Machtwirklichkeit, in der der ökonomischen Theorie die Rolle einer Leitwissenschaft zukommt.

 

 

Kontakt:

Hanna Lierse
Tel.: +49 +40 42838-8667
Hanna.Lierse[at]wiso.uni-hamburg[dot]de

 

 

Veranstalter:

Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS),

Fachbereich Sozialökonomie, Universität Hamburg

 

Kooperationspartner:

Hans-Böckler-Stiftung

Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hamburg

Ver.di-Hamburg