IKS Working Paper Series

Die neue Serie der IKS Working Papers will neue Texte schon vor der Publikation einem Fachpublikum zugänglich machen und damit den akademischen Informations- und Meinungsaustausch befördern. Sie stellen work in progress dar. Die Urheberrechte verbleiben bei den Autorinnen und Autoren. Sie haben das uneingeschränkte Recht, ihre jeweiligen Texte in der vorliegenden oder in einer überarbeiteten Version zu einem späteren Zeitpunkt zu publizieren. Die Working Papers sind als pdf.-Dateien frei verfügbar.

The  IKS Working Papers   series is designed to make stimulating new texts readily available as pdf files. They want to encourage academic discusssions and constitute work in progress. The copyright remains with the authors.

IKS Working Paper Series | Nr. 001

Nils Diers (2010) Wie viel Kriminalität hat die Gesellschaft? Eine Grundlegung für die Ermittlung der Zahl der jährlich in Deutschland begangenen Straftaten

Abstract

Wieviel Kriminalität hat die Gesellschaft? Kaum jemand würde diese Frage weniger interessieren als meinen Namensvetter Nils Christie. Dabei scheinen unsere Fragestellungen gar nicht so weit auseinander. Wie viel Kriminalität braucht die Gesellschaft? Man könnte hinter dieser von Christie gestellten Frage ebenfalls die Suche nach einer Kriminalitätsgröße vermuten. Doch weit gefehlt. Was ihn interessiert ist vielmehr die Frage, „was hinter dem Anwachsen und Abnehmen von Handlungen, die allgemein als unerwünscht oder inakzeptabel betrachtet werden“ (Christie 2004: 25), steht.
Für Christie ist Kriminalität eine „unbegrenzte natürliche Ressource“ (Christie 2004: 24). Einverstanden. Nur die Konsequenzen, die wir beide aus dieser Erkenntnis ziehen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Für ihn ist es „keine besonders reizvolle Aufgabe, die Schwankungen im Auftreten eines Phänomens zu messen, dessen Inhalt sich mit der Zeit ändert“ (Christie 2004: 24), für mich ist es der Grund, fünf Monate in der Bibliothek zu sitzen und meine Masterarbeit zu folgender Frage  zu verfassen: Wie viele Straftaten werden jährlich in Deutschland begangen?
Die Arbeit ist die einzige ihrer Art und wird es vielleicht auch bleiben. Dürfte ich dennoch raten, was Christie trotz seines Desinteresses auf meine Frage antworten würde, so wäre mein Tipp: Soviel sie braucht! Und, könnte ich dann fragen, wie viel ist das genau? Genau hierfür könnte der große Kriminologe einen kleinen Blick auf die folgenden Seiten werfen…

IKS Working Paper Series | Nr. 002

Sebastian Scheerer (2011) Agonaler Autismus und diskrepante Interpunktion. Zwei Restriktionen im Umgang mit terroristischer Gewalt

Abstract

Je länger sich gewaltförmige Auseinandersetzungen hinziehen und je weniger durch einseitige Aktionen entschieden werden kann, desto stärker rückt die Kommunikation mit dem Gegner als Möglichkeit zu einer Beendigung des Konflikts ins Blickfeld. Paradoxerweise ist das bei großen Kriegen zwischen zwei oder mehr Staaten oft leichter als bei den „kleinen Kriegen“ (Carl von Clausewitz), die heute den Großteil aller bewaffneten Konflikte ausmachen. Dies hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass bei den neuen Formen der Auseinandersetzung mindestens eine der Parteien nicht militärisch organisiert ist und schon deshalb irregulär operiert, was es zumindest leicht macht, sie (bei aller Unschärfe des Begriffs) als terroristisch zu definieren (vgl. Hess 2006). Das hat weitreichende Konsequenzen. Denn während sich die Parteien eines Staatenkriegs gegen Ende des Kräftemessens more often than not in Verhandlungen begeben, sind diejenigen eines asymmetrischen Konflikts mangels normativer Metaebene zu einer Art Selbstgenügsamkeit verdammt: sie kämpfen zwar gegeneinander, existieren aber im Hinblick auf die Codierungen Recht/Unrecht, richtig/falsch, moralisch/unmoralisch, gut/böse usw. in unverbundenen Wirklichkeiten, d.h. in einer Situation, die man im Gegensatz zu Wilhelm Mühlmanns (1961) agonaler Partnerschaft als agonalen Autismus bezeichnen könnte. Dieser generiert zwar neue Möglichkeiten (insbesondere verleiht er der staatlichen Seite in diesem juristischen Grauzone die ungewohnte Freiheit, fast nach Belieben mal innerstaatliches, mal zwischenstaatliches und mal gar kein Recht zur Grundlage ihres Handelns zu machen), doch bringt er auch Restriktionen mit sich, von denen die wichtigste darin bestehen dürfte, dass er Verhandlungen als Weg zur Beendigung der Gewalt erheblich erschwert.